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NHL Observer

Man kann seinen Fans alles verkaufen, solange man Glaubwürdigkeit verkörpert - auch einen Rebuilding-Plan, der Jahre in Anspruch nehmen wird. Sogar in Montreal, wo die Fans euphorisch sind und Mittelmass kaum dulden. Aber um die Planung auch weiterhin glaubwürdig zu vertreten braucht es ein klares Signal: Fortschritte und kleine Erfolge als Zwischenziele, wie das Beispiel der Canadiens de Montréal zeigt. 

Die Montréal Canadiens haben trotz des Ausscheidens nach fünf Partien auch in den Playoffs gegen die favorisierten Washington Capitals nicht enttäuscht. Gegen eine erfahrene und für Playoffs top-ausbalancierte Mannschaft konnten sie in jeder Partie mithalten und waren teilweise sogar das bessere Team. Und dies als das im Durchschnitt jüngste NHL-Team aller Zeiten (unter 26 Jahre). Montreal feierte euphorisch seine jungen Stars und der Rebuilding-Plan vom Chef der Hockey Operations Jeff Gorton (hat bereits die New York Rangers 2018 ins Rebuilding geführt) und Sportdirektor Kent Hughes gewinnt mehr und mehr an Glaubwürdigkeit. 

Das Team der Zukunft?

Ein kurzer "Blick" zurück: Letzten November 2024 hatte das Sport-Medienunternehmen TSN die jährliche Rangliste der U24-Spieler publiziert, die sich in der NHL etablieren konnten oder dies spätestens nächste Saison vollbringen werden. Diesem Ranking wird jeweils viel Beachtung geschenkt. Dabei geht es speziell um jene Akteure unter 24 Jahren, die in naher Zukunft zu den Leistungsträgern in der Mannschaft gehören werden. Die Canadiens de Montréal haben, so die Fachjury, den aussichtsreichsten Kern an jungen Spielern, die in naher Zukunft in der Liga dominant aufspielen werden. Sechs der Top-Spieler unter 24 Jahren sind Cole Caufield (23), Ivan Demidov (18), Juraj Slafkovsky (20), Kaiden Guhle (23), Goalie Jacob Fowler (jetzt beim Farmteam in Laval) und vor allem Lane Hutson (20). Sie alle werden mit dem höchsten Ranking Triple A (AAA) eingestuft. Die Canadiens sind somit die einzige Mannschaft, die über einen Kader verfügt, der in naher Zukunft fast vollständig so wie aktuell in der Startaufstellung stehen könnte. Weitere junge Spieler wie Arber Xhekaj oder Jayden Struble sind bereits NHL-Stammspieler und aus dem Farmteam Laval folgen Talente wie Owen Beck, Joshua Roy, Logan Mailloux, vielleicht auch David Reinbacher und einige mehr. 

Es fehlt noch die Playoff-Reife

Der Plan in dieser Saison war eigentlich, dass man mindestens bis zur Schlussphase um einen Playoff-Platz kämpft. Nun ist dieser nicht nur aufgegangen, sondern wurde sogar übertroffen. Und dies nach dem Tiefpunkt in der Saison nach dem Stanley-Cup-Final 2021 und einer Phase des Umbruchs. Nun stellt sich die Frage: Ist man mit diesem Rebuilding nun doch weiter als erwartet oder ist es bereits vollzogen? Chefcoach Martin St. Louis, der nun sogar für den Jack Adams Award als Coach des Jahres nominiert wurde: „Was die jungen Schlüsselspieler im Team beim Schlussspurt um die Playoff-Qualifikation und in den Playoffs gelernt haben, ist unbezahlbar. Das kann man nicht trainieren, das muss man erleben, um in Zukunft noch etwas playoffreifer zu werden.“ Washington-Capitals-Headcoach Spencer Carbery: „Diese Jungs sind auf einem Niveau angekommen, bei dem man sich ganz gezielt auf sie vorbereiten muss. Wenn man das nicht tut, wird man bestraft. Sie sind so jung – und wenn man sich vorstellt, dass man in den nächsten zehn Jahren regelmässig gegen sie antreten muss, dann weiss man: Da kommt etwas ganz Grosses. Alleine, was Nick Suzuki und Lane Hutson aufgeführt haben war unglaublich gut.“ Bezeichnend war auch eine Spielsituation in Spiel 3 der Playoffs gegen Washington: Zwei Powerplay-Treffer wurden in folgender Aufstellung erzielt: Lane Hutson, Nick Suzuki, Ivan Demidov, Cole Caufield und Juraj Slafkowsky. Nichtsdestotrotz: Das Rebuilding ist noch längst nicht abgeschlossen. Dies haben die Playoffs gnadenlos aufgezeigt. Die Washington Capitals konnten mit ihrer Playoff-Härte und -erfahrenheit die läuferischen und technischen Skills der jungen Schlüsselspieler der „Habs“ kontern. Im Gegensatz zu den „Habs“ waren bei den „Caps“ die erfahrenen Spieler matchentscheidend. In einigen Schlüsselszenen agierten sie etwas reifer und schossen da auch die entscheidenden Tore. Nicht zufällig redet man in den Playoffs oft von den sogenannten „Intangibles“ während den Playoffs: Diese nicht direkt messbaren, aber spielentscheidenden Faktoren können den Unterschied in einem Playoff-Prozess machen. Es ist nicht verwunderlich, dass die meisten Stanley-Cup-Finalisten der letzten Jahre alle einen Altersdurchschnitt von fast 30 Jahre hatten – zuletzt traf dies zu auf die Florida Panthers und Edmonton Oilers. Um noch einmal auf die Worte von Martin St. Louis zu kommen: „Jede Erfahrung, die meine jungen Spieler jetzt mitgenommen haben, wird sich beim nächsten Mal auszahlen.“ 

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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