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NHL Observer

Alle Blicke der Eishockey-Community sind jetzt auf das Olympische Turnier gerichtet. Besonders in Kanada ist es für die Volksseele wichtig, dass dieses Jahr die Goldmedaille vom Eishockey-Mutterland gewonnen wird. Mit auch ein Grund: In der laufenden Saison 2025/26 zeichnet sich ein Szenario ab, das in Kanada für Nervosität sorgt: Es besteht Möglichkeit, dass nur zwei, ein einziges oder im Extremfall sogar kein in Kanada beheimatetes NHL-Team die Playoffs erreicht. 

Vor der Wiederaufnahme des NHL-Spielbetriebs nach den Olympischen Spielen befinden sich nur die Montréal Canadiens im Osten und die Edmonton Oilers im Westen in den Playoff-Rängen. Durch die grosse Parität – besonders in der Eastern Conference – ist zu befürchten, dass sogar Playoff-Dauergäste der letzten Jahre, wie beispielsweise die Toronto Maple Leafs, den Sprung in die Playoffs nicht schaffen könnten. Diese Entwicklung wäre nicht nur ein sportliches, sondern auch ein mediales und ökonomisches Signal mit erheblichem Gewicht sowohl für die TV-Quoten als auch für die Vermarktung der Liga in Kanada.

Historische Vergleichsfälle

Solche Situationen mit nur zwei oder gar nur einem in Kanada beheimateten Team in den NHL-Playoffs gab es selten. In der NHL-Saison 2013/14 qualifizierte sich mit den Montréal Canadiens damals nur ein einziges kanadisches Team für die Stanley-Cup-Playoffs. Das war der erste Fall dieser Art seit 1973 und der grossen Expansion, als ebenfalls nur Montreal vertreten war.

Laut Daten aus Langzeitstatistiken gab es seit 1986 einige Jahre, in denen genau zwei kanadische Teams die Playoffs erreichten. Zum Beispiel 2017/18 mit den Toronto Maple Leafs und Winnipeg Jets. Der absolute Supergau ohne ein einziges Team aus Kanada in den Playoffs trat nur zwei Mal ein: 1969/70 – In einer 12-Team-Liga (nur Montreal und Toronto waren kanadisch) schaffte es kein einziger Club in die Postseason und 2015/16 in der damaligen 30-Team-Ära qualifizierte sich keines der damals sieben kanadischen Teams für die Playoffs – ein historischer Tiefpunkt.

Horrorszenarien verhindern

Dieses Szenario darf nicht geschehen und es hätte auch Folgen. Denn obwohl in quasi allen NHL-Teams es viele Schlüsselspieler aus Kanada gibt, so ist die Playoff-Begeisterung in Kanada vor allem mit dem Team im Heimmarkt verknüpft. Und: Kanada ist kein Randmarkt. Wenn kanadische Teams früh ausscheiden oder kaum vertreten sind, spürt dies jeder Sendevertrag mit Rogers, Sportsnet, CBC oder TVA Sports unmittelbar – die Einschaltquoten am ersten Playoff-Wochenende sinken typischerweise messbar, was Werbepreise und Reichweite drückt.

Der Aspekt der Vermarktung

Auch bezüglich Vermarktung und nationaler Identität würde es empfindliche Nachwirkungen geben. Aus Sicht der Liga ist die kanadische Playoff-Präsenz ein systemrelevanter Faktor. Der kanadische Markt funktioniert medial anders als viele US-Märkte: Er ist stärker identitäts- und traditionsgebunden. Die Playoffs werden nicht primär als neutrales Entertainment konsumiert, sondern als Teil der eigenen sportlichen Zugehörigkeit. Fehlt diese lokale Verankerung, verschiebt sich das Nutzungsverhalten. Die Erfahrung aus 2015/16 zeigt, dass kanadische Zuschauer zwar weiterhin NHL konsumieren, jedoch selektiver. Für Broadcaster bedeutet das eine geringere kumulierte Reichweite, für Werbepartner sinkt die kalkulierbare nationale Sichtbarkeit. Kurz: Die NHL verliert in ihrem Kernmarkt narrative Dichte.

Gerade im aktuellen Medienumfeld – fragmentiert, digital, zunehmend individualisiert – ist dies ein Faktor. Hockey ist in Kanada nicht nur Sport, sondern kulturelle Infrastruktur. Die NHL fungiert dabei als tägliche, monatelange Projektionsfläche dieser Identität. Internationale Turniere können diese Funktion emotional verdichten. Vor diesem Hintergrund erhält das Olympische Eishockey-Turnier 2026 eine übergeordnete Bedeutung. Der Sieg Kanadas beim 4-Nations Face-Off im Jahr 2025 war mehr als ein sportlicher Erfolg. Er wirkte wie eine kollektive Bestätigung, dass Kanada im direkten Vergleich mit den USA und Europa weiterhin die Referenz darstellt – zumindest auf Nationalmannschaftsebene.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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