Das Ambrì-Fieber und seine Nebenwirkungen

Aus ‘Forza Ragazzi’ wurde in der Valascia nach dem letzten Spiel der Regular Season ein ‘Grazie Ragazzi’. Ein Gänsehautmoment, der zeigt, dass diese Squadra es nach dieser Saison geschafft hat, die Fans wieder bedingungslos hinter sich zu bringen. Eine Saison, die nun in den Playoffs weiter geht.

{sitelinkxoff}Es ist noch keine zwei Jahre her, dass dieser Klub aus der Leventina kurz vor dem Abgrund stand. Viele schrieben Ambrì bereits in die Nationalliga B. Die Ligaqualifikation konnte zwar mit 4:0 gegen Langenthal gewonnen werden, aber die Spiele standen alle auf Messerschneide und wurden zweimal erst in der Verlängerung entschieden.

Im allerletzten Spiel seiner Karriere entschied Paolo Duca in Langenthal das vierte Spiel und sicherte so den Bianconblù den Ligaerhalt. Was viele zu diesem Zeitpunkt nicht wussten, dass genau dieser Duca die Wende zum Guten und dem Ende eines langen Leidensweges war. Zu gross war damals die Erleichterung, dass einmal mehr alles ein gutes Ende genommen hat und alle hatten gerade genug vom Eishockey und dem dauernden Leiden.

Duca vom Eis ins Büro

Anders dachte Paolo Duca und leitete sofort den grossen Wechsel ein. Gordie Dwyer hatte als Headcoach keine Zukunft mehr und wurde durch Luca Cereda ersetzt. Der frühere Ambrì-Spieler wurde von Duca vom Trainer der HC Ticino Rockets zum Headcoach der Prima Squadra befördert. In seiner ersten Saison in der National League war Ceredas Handschrift bereits sichtbar, aber für die Playoffs reichte es schlussendlich klar nicht. Den Ligaerhalt stellte man in fünf Spielen gegen den späteren Absteiger Kloten sicher. Auch resultatmässig war es ein Schritt nach vorne.

Nun drehte auch die Stimmungslage. Klar war man froh, dass die Saison ein gutes Ende genommen hat, aber kurz nach dem Ende freute man sich bereits wieder auf die neue Spielzeit. Dass in dieser Mannschaft Potenzial für Grösseres schlummert, war offensichtlich. Duca konnte das Team zusammenhalten bzw. adäquat oder gar besser verstärken. Defensiv kam Guerra für Zgraggen, offensiv ersetzte Bryan Lerg seinen Landsmann Jeff Taffe und Ende Oktober konnte man Michael Fora aus Carolina zurückholen und bestens ins Team integrieren. Der Abgang von Lukas Lhotak konnte mit dem Zuzug von Fabio Hofer mehr als kompensiert werden. Im Nachhinein gesehen war die Verletzung von Bryan Lerg zu Saisonbeginn ein Glücksfall. Nur dadurch konnte Jiri Novotny verpflichtet werden. Der Tscheche brilliert am Anspiel, auch wenn man oft Angst haben muss, dass er zu übermütig agiert und ist mit seiner Übersicht gerade im Powerplay Gold wert. Fünf Ausländer (und der Zuzug während der Saison von Fora) sind definitiv eine finanzielle Belastung, aber die erneute Verletzung von Lerg, sowie die (kleineren) Blessuren von D’Agostini und Novotny brachten Cereda viel Flexibilität in der Planung auf den Ausländerpositionen.

Kubalik – Liga-Topskorer aus Ambrì!

Der Leistungsausweis in weniger als zwei Jahren ist für Paolo Duca beeindruckend. Cereda zum Trainer zu machen in einer heiklen Phase war mutig, hat sich aber 200% ausbezahlt. Hofer nach Ambrì zu holen und damit einen alten Bekannten für Zwerger zu finden, beeindruckt. Verblüfft war man dann sehr als Duca es schaffte Marco Müller und Dominic Zwerger bis 2022 zu verlängern. Die ganze Hockey-Schweiz rieb sich verwundert die Augen und fragte sich: «Wiiie hat Duca das geschafft???» Die grösste Errungenschaft ist meiner Ansicht nach aber Dominik Kubalik nach Ambrì zu lotsen. Der Tscheche kam Mitte letzte Saison nach Ambrì und schlug ein wie eine Bombe. Nicht nur in der Leventina hat er seine Duftmarke hinterlassen, sondern in der gesamten Liga. Letzte Saison kam Kubalik früher als geplant von seinem Stammverein Pilsen nach Ambrì. Anlaufzeit brauchte «Kuba» oder «Kubi» keine. In 25 Spielen skorte er im Schnitt mehr als einen Punkt pro Spiel. In der laufenden Saison dann die komplette Explosion. Mit 57 Punkten wird Kubalik mit vier Punkten Vorsprung souveräner Ligatopskorer. Erster Verfolger ist Mark Arcobello vom SC Bern. Kubalik ist einer von sieben Spielern des HCAP, die sämtliche Spiele der Regular Season gemacht haben.

Luca Cereda hat mit Kubalik und Zwerger als Flügel und Marco Müller an den Bullys seine Topreihe gefunden. Nur in den seltensten Fällen hat er diese Reihe auseinandergenommen. Diese drei Spieler haben gemeinsam 144 Punkte gebucht und belegen natürlich die ersten drei Plätze der internen Skorerwertung. Dahinter folgen Matt D’Agostini und Fabio Hofer aus dem auf dem Matchblatt ersten Blocks. Auf Platz 6 ist mit Nick Plastino der beste Verteidiger rangiert.

Dass Dominik Kubalik nach dieser Saison nach Chicago in die NHL geht, ist zum einen enorm schade, aber zum anderen ist es dem sympathischen Tschechen sehr zu gönnen. Er hat alles, um sich bei den Blackhawks durchzusetzen und passt von seinem Stil sehr gut in diese Organisation. Vor allem zeigt es aber auch, dass man sich auch in Ambrì zu einem Topshot entwickeln kann. Das wird Paolo Duca und der ganzen Mannschafft enorm helfen. So ist es durchaus denkbar, dass Kubalik gar ersetzt werden kann. 1:1 wird dies nicht möglich sein, aber das Team kann durchaus in der Breite noch etwas mehr Durchschlagskraft vertragen.

Dominik Kubalik - Die grosse Figur der Regular Season
PHOTOPRESS / Gabriele Putzu

Und nun?

Dass man das Saisonziel mit Platz 10 erreichen wird, war relativ bald absehbar. Am Ende gab es tatsächlich die Playoffs und das in einer der kompetitivsten Ligen Europas gar auf Rang 5 in der Regular Season. Das ist Wahnsinn, wenn man bedenkt von wo dieses Team kommt. Mit guter Wahrscheinlichkeit qualifiziert sich Ambrì gar für die Champions Hockey League der kommenden Saison. Das sind Dimensionen, die man sich vor einem Jahr nicht mal zu träumen erlaubte. Dies ist aber vor allem Supplement und läge noch fast ein halbes Jahr entfernt.

In wenigen Tagen kommt es zur Viertelfinal-Serie gegen den EHC Biel. Dass Ambrì in den vier Spielen dieser Saison gegen die Seeländer uralt ausgesehen hat, zählt nun nichts, aber auch gar nichts, mehr. Die Spieler werden sich erstens sagen «Alles beginnt bei null» und zweitens «jetzt erst recht». Biel steht unter immensem Druck und muss unter allen Umständen diese Serie gewinnen. Eine Niederlage gegen Ambrì in diesem anspruchsvollen Umfeld des Klubs würde nur schwer goutiert werden. Ambrì hat überhaupt nichts zu verlieren und kann nun befreit aufspielen. Auch wenn das Verpassen der Playoffs kein Unglück gewesen wäre, wuchs in den letzten Spielen der Druck auf die Mannschaft. Vor fünf Jahren war die Erleichterung der Playoffs greifbar und gleichzeitig die Luft draussen. In vier Spielen schied man sang- und klanglos gegen Fribourg aus. Auch jetzt ist die Euphorie fast grenzenlos, aber dieses Team scheint noch hungrig zu sein und gibt sich nicht zufrieden. Dafür wird Luca Cereda schon sorgen. Im Tessin träumt man derweil schon vom Final-Derby – 20 Jahre danach. Niente è impossibile.

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Das Ambrì-Fieber und seine Nebenwirkungen

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