Bull-etin Zug

Am Freitag startet der EV Zug in die Meisterschaft – und in eine neue Ära. Mit dem Norweger Dan Tangnes an der Bande soll die Nachwuchsstrategie in der ersten Mannschaft konsequent umgesetzt werden – und die letzten Schritte zu Titelehren begangen werden.

Bereit für die neue Saison: Lino Martschini
PHOTOPRESS / Laurent Gillieron

{sitelinkxoff}Nach der Finaleuphorie im Jubiläumsjahr 2017 ist der EV Zug in den letzten Playoffs wieder auf dem harten Boden der Realität gelandet. Zum dritten Mal in den letzten vier Saisons sind die Zuger in der ersten Playoff-Runde gescheitert. Gepaart mit der Unfähigkeit von Coach Harold Kreis, jungen Spielern ausreichend Vertrauen zu schenken, führte dieses Scheitern zur unvermeidlichen Trennung vom Deutsch-Kanadier. Diese Entscheidung bewahrte Kreis vor einem unangenehmen Dasein als sogenannte «lahme Ente» in seinem letzten Vertragsjahr und ermöglichte es den Zugern, sich sofort der Zukunft zuzuwenden.

Individuelle Förderung und kooperativere Zusammenarbeit

So logisch und - angesichts der klubinternen Ansprüche und Philosophie - korrekt diese Trennung anmutete, so interessant ist die Wahl des Nachfolgers. Dan Tangnes hat in seiner bisherigen Karriere als Headcoach resultatmässig noch keine grossen Stricke zerrissen. Zuletzt scheiterte er mit Linköping dreimal en suite im Viertelfinal der schwedischen Elitserien. Der 39-jährige Norweger geniesst den Ruf eines hervorragenden Kommunikators und Ausbildners, der auf die Förderung der einzelnen Spieler seines Teams grossen Wert legt. Assistant Coach Stefan Hedlund, der in der vergangenen Saison das Academy-Team trainiert hat, fasst diese Philosophie wie folgt zusammen: «Wenn sich jeder Spieler um fünf Prozent verbessert, ist die ganze Mannschaft letztlich viel stärker.» Dies markiert eine Abkehr von Coaches, die ihr System implementieren und den Spielern bestimmte Rollen zuweisen, die sie zu erfüllen haben oder andernfalls ein Dasein unter der Wolldecke fristen. Damit Tangnes sein Konzept umsetzen kann, beschäftigt der EVZ diese Saison neben Hedlund mit Klublegende Josh Holden einen zweiten Assistenztrainer und folgt somit dem Trend internationaler Spitzenteams, die seit Jahren mehrere Assistenten engagieren.

Ein wichtiges Element des neuen Coaching-Trios besteht in der kooperativen Zusammenarbeit mit den Spielern. Für Holden, im altmodischen Drill-System nordamerikanischer Bandengeneräle sozialisiert, markiert dies einen Sinneswandel: «Ich dachte immer, dass du als Coach den Spielern sagen musst, was sie zu tun hätten. Aber eigentlich geht es darum, ihnen zu helfen, sie zu unterrichten, wie sie den Stil spielen können.» Da das Spielerreservoir Schweizer Teams im Gegensatz zu NHL-Franchisen deutlich eingeschränkter ist, erscheint es durchaus sinnvoll, mit dem vorhandenen Spielermaterial möglichst geduldig zusammenzuarbeiten.

Aggressiveres Forechecking

Die von Tangnes angestossenen Wechsel in der Coaching-Philosophie sind jedoch nicht nur theoretischer Natur, sondern wirken sich auf die Darbietungen auf den Eis aus. In der Vorbereitung zeigten die Zuger Anzeichen einer aktiveren und aggressiveren Spielweise. Die gegnerische Mannschaft wird frühzeitig mit mehreren Angreifern unter Druck gesetzt und somit zu Fehlern im Spielaufbau provoziert. Auf der anderen Seite des Spielfelds schwebt den Trainern ein gepflegter Spielaufbau vor, der je nach Situation mit kurzen und langen Pässen variiert, um die gegnerische Mannschaft stets vor neue Probleme zu stellen. Noch setzt die Mannschaft das System bruchstückhaft um, wobei sich bei einem halbherzigen Forechecking oft die Gefahr gegnerischer Breakaways eröffnet. In den Phasen, während derer die Kolinstädter das kräfteraubende System anwenden konnten, schnürten sie den Gegner aber regelrecht in dessen eigener Zone ein und kreierten in kurzer Folge zahlreiche Chancen. Das etwas riskantere Spiel kommt den Qualitäten der Spieler durchaus entgegen, benötigt aber eine klare Abstimmung zwischen dem Verteidiger-Paar und der Stürmer-Reihe.

Grössere offensive Breite

Den neu verpflichteten Spielern dürfte das System Tangnes’ entgegenkommen. Yannick-Lennart Albrecht, Dario Simion, Jesse Zgraggen und Miro Zryd verjüngen die Mannschaft und verstärken die qualitative Breite des Teams. Albrecht soll die fehlende Qualität auf der Centerposition der dritten Linie und Abhängigkeit von den ersten beiden Sturmreihen – die offensichtliche Schwäche der vergangenen EVZ-Ausgabe – beheben. Der physisch robuste Zwei-Weg-Center hat in der Vorbereitung angedeutet, dass er mit Carl Klingberg und Reto Suri eine durchschlagkräftige Linie bilden kann, wodurch die Zuger für die Gegner offensiv schwerer denn je auszurechnen sein dürften. Der unerwartete, späte Zugang Simions bereichert die Offensivabteilung um einen weiteren schnellen, physisch durchsetzungsfähigen Flügel. Der Tessiner wurde bisher neben David McIntyre und dem in der Vorbereitung beflügelt aufspielenden Lino Martschini eingesetzt. Wie über Strecken der vergangenen Saison ergänzt Dominic Lammer das kongeniale Duo um Garrett Roe und Viktor Stålberg. In der vierten Linie agierte bisher Sven Senteler zwischen Fabian Schnyder und Yannick Zehnder.

Die offensive Breite und Qualität zeigt sich auch im Powerplay, wo Tangnes zwei gefährliche Formationen aufstellen kann. Bisher setzte er als jeweiliges Kernstück auf die Linien der beiden nordamerikanischen Center McIntyre und Roe, wobei er erstere mit Klingberg und Raphael Diaz und letztere mit den Verteidigern Santeri Alatalo und Zryd ergänzte.

Jesse Zgraggen – Neuzuzug aus Ambrì.
PHOTOPRESS / Patrick B. Kraemer

Genügt die Defensive den gestiegenen Ansprüchen?

Während die Zuger Offensive so stark wie selten bestückt scheint, wirft eher die Abwehr Fragen auf. Dies nicht unbedingt aufgrund der personellen Mutationen. Der mit einem guten ersten Pass gesegnete Miro Zryd und der physisch starke Jesse Zgraggen sollen die Veteranen Robin Grossmann und Timo Helbling ersetzen. Die beiden haben in der Vorbereitung das nominell dritte Paar gebildet und solide Leistungen gezeigt. Entscheidend wird vielmehr sein, ob die Verteidiger die erhöhten Anforderungen im Spielaufbau erfüllen und welche Fortschritte Jungspunde wie Thomas Thiry, Livio Stadler, Tobias Fohrler oder Victor Oejdemark erzielen. Dies umso mehr bei verletzungsbedingten Absenzen wie jenen von Dominik Schlumpf oder Johann Morant. Wie in den vergangenen beiden Saisons wird viel von Captain und Abwehrchef Diaz abhängen. Kann er den von ihm erwarteten, dominierenden Part übernehmen, macht er die gesamte Mannschaft stärker.

Papier und Realität

Der Erfolg des EVZ steht und fällt freilich mit der Frage, wie die Spieler die Vorstellungen des neuen Coaching Staff umsetzen. Auf dem Papier überzeugt die Entscheidung der Klubverantwortlichen. Doch Hockey-Spiele werden nicht auf dem Papier entschieden, wie nicht erst das gescheiterte Engagement von Hans Wallson und Lars Johansson bei den ZSC Lions bewiesen hat. Mit der Förderung junger Spieler können Tangnes und Co. ihre Gnadenfrist verlängern. Doch diese wird spätestens in den Playoffs auf die Probe gestellt. Die sportlichen Perspektiven des EVZ sind zu gut, um sich länger mit frühzeitigen Playoff-Misserfolgen zufriedenzugeben – wenn nicht 2019, so spätestens in der Ära Genoni ab 2020.

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