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Mit dem SC Bern und dem EV Zug stehen sich ab heute Donnerstag die beiden dominierenden Mannschaften der laufenden Spielzeit im Playoff-Final gegenüber. Der Traumfinal verspricht eine intensive und enge Serie – wobei sogar mehr auf dem Spiel steht als der Titelgewinn.

Erstmals seit dem Berner Titelgewinn gegen Fribourg-Gottéron 2013 treffen die beiden Erstplatzierten der Qualifikation im Playoff-Final aufeinander. Der SCB und EVZ waren über weite Strecken dieser Saison die konstantesten Mannschaften und konnten sich bereits früh vom Rest der Liga absetzen. Die Klasse der beiden Equipen war letztlich auch in den Playoffs zu gross für die Herausforderer. Die Neuauflage der Finals von 1997 und 2017, welche die Hauptstädter jeweils für sich entscheiden konnten, verspricht jedoch auch aus weiteren Gründen wie der unterschiedlichen Ausgangslage, Spielphilosophie und Eigenschaften der Kontrahenten eine besondere Affiche – und kann für die Entwicklung des Schweizer Eishockeys in den kommenden Jahren eine entscheidende Bedeutung einnehmen.

Können die Zuger die Berner auf die Strafbank locken?

Auffallend bei den Finalisten ist ihre starke Defensive. Diese basiert auf gänzlich unterschiedlichen Fundamenten. Der SC Bern riegelt die Gefahrenzone vor Leonardo Genoni ab und drängt den Gegner auf die Seiten. Dafür nimmt er in Kauf, dass der Gegner viel Scheibenbesitz hat und zahlreiche Schüsse abgeben kann – wenn auch aus verhältnismässig ungefährlichen Positionen. Ganz anders der EVZ, der versucht, die Scheibe möglichst oft unter Kontrolle zu haben und deshalb aggressiv verteidigt. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit auf Scheibenbesitz und offensive Dominanz ebenso wie jene, Strafen zu nehmen. Es wird interessant zu beobachten sein, ob sich der SCB mit einer passiven Spielweise begnügen oder sich initiativer zeigen wird. Dies hängt auch vom Verlauf der ersten Partien und dem Erfolg des EVZ, in die Berner Gefahrenzone einzudringen, ab.

Kann der EVZ Genoni in Bedrängnis bringen, ohne selber aus dem Gleichgewicht zu geraten?
PHOTOPRESS / Peter Schneider

Die Spielweise bei numerischem Gleichstand wird grosse Auswirkungen auf die Special Teams haben. Entscheidend für deren Erfolg wird sein, wie die Strafen verteilt sind respektive wer dem Gegner bei numerischem Gleichstand sein Spiel so aufzwingen kann, dass dadurch optimale Voraussetzungen für die Special Teams resultieren. Zugs Powerplay war in den Playoffs minim effizienter als jenes Berns – dass die Kolinstädter pro Partie am meisten Überzahltreffer und durchschnittlich 0,34 mehr als der SCB erzielen, hängt damit zusammen, dass der EVZ pro Spiel beinahe fünfmal in Überzahl agieren darf – das sind eineinhalb Powerplays mehr pro Partie als beim SCB.

Umgekehrt erhalten die beiden Teams nicht deshalb ähnlich wenige Gegentreffer in Unterzahl, weil das Berner Penalty-Killing momentan besonders effizient wäre, sondern weil sie kaum Strafen kassieren und nur 2,62 Unterzahlsituationen pro Spiel überstehen müssen (bei Zug sind es 4,33). Eine Paradeleistung hinsichtlich Disziplin lieferten die Mutzen in der Belle der Halbfinalserie ab, als sie keine einzige Strafe nahmen. Sie tun gut daran, ihre Disziplin hochzuhalten, zumal bei den Zugern Dennis Everberg – statistisch gesehen in der Qualifikation der erfolgreichste Powerplay-Spieler (von allen Akteuren, die mehr als fünf Partien und mindestens je eine halbe Minute Powerplay-Eiszeit pro Partie bestritten haben) – wieder ab der ersten Partie mittun wird.

Der EVZ muss seinerseits druckvoll und aggressiv antreten, um in die Gefahrenzone vor Genoni einzudringen und Strafen zu provozieren. Gleichzeitig sollten sich die Schützlinge von Tangnes davor hüten, insbesondere in der offensive Zone unnötige Strafen zu nehmen. In den vier Direktbegegnungen der Qualifikation – je ein Heim- und Auswärtssieg – ist ihnen dies nicht wunschgemäss gelungen. Sie haben deutlich weniger in Überzahl agieren können und sich gleichzeitig noch häufiger in Unterzahl wehren müssen als gegen die anderen Gegner.

Offensive Balance und Energiereserven

Für die Zuger spricht sicherlich die grössere Ausgeglichenheit und die Form ihrer Stars in der Offensive. Demgegenüber konnte sich der SCB heuer weniger auf konstante Playoff-Produktion sämtlicher Linien verlassen. Im Viertelfinal brillierte die Paradelinie um Mark Arcobello, Captain Simon Moser und Thomas Ruefenacht. Daneben überzeugte die nominell vierte Linie um Daniele Grassi, André Heim und Alain Berger. Gegen Biel konnten Andrew Ebbett und Jan Mursak Lebenszeichen aussenden, wobei Arcobello weniger dominieren konnte und sich der verletzungsbedingte Ausfall von Gaëtan Haas spürbar ausgewirkt hat. Kehrt letzterer nicht bald zurück, muss Coach Kari Jalonen umso mehr hoffen, dass Ebbett und Mursak weiter produzieren und Arcobello wieder zu Hochform aufläuft.

An Arcobello lässt sich das Dilemma der Berner personifizieren. Einerseits die Abhängigkeit vom offensiven Leader, anderseits die beträchtlich geschwundenen Energiereserven. Der SCB hat in den Playoffs über 300 Minuten mehr Eishockey als der EVZ bestritten, was fünf Partien und somit einer Playoff-Serie entspricht. Hinzu kommt, dass die Intensität und der Druck in jenen zusätzlichen Minuten ausgeprägt waren. So mussten die Berner in jenen Zusatzminuten Verlängerungen absolvieren, in denen das nächste Tor den Match entscheidet, oder sich gegen das vorzeitige Ausscheiden wehren – der EVZ ist in den laufenden Playoffs nie auch nur annähernd mit letzterem Szenario konfrontiert worden. Zudem konnte sich der SCB nach dem Gewinn der beiden hart umkämpften Serien nicht erholen und Blessuren auskurieren, sondern musste sich gleich auf den nächsten Gegner einstellen.

Können die Zuger wieder ähnlich viel Unruhe vor dem gegnerischen Tor wie gegen Lausanne erzeugen?
PHOTOPRESS / Urs Flueeler

Diese Ausgangslage dürfte sich in der Finalserie irgendwann bemerkbar machen – zumal Jalonen seine besten Akteure bereits in der Qualifikation stark forciert hat. So erhält Arcobello in den Playoffs durchschnittlich knapp zwei Minuten mehr Eiszeit pro Partie (auch wegen der vielen Verlängerungen) als der gegnerische Erstlinien-Center Roe, nachdem er bereits in der Qualifikation pro Partie durchschnittlich über drei Minuten mehr als Roe gespielt hat. Bei den Verteidigern hat Jalonen die Minuten etwas ausgeglichener verteilt, doch bei anderen offensiven Stars wie Ebbett, Moser oder Ruefenacht stellt sich ebenfalls die Frage, ob sie in zwei Wochen noch genügend frisch sein werden, um verhältnismässig ausgeruhte und schnelle Gegner dominieren zu können.

Wie wichtig sind die nicht-messbaren Werte?

Was für eine Rolle der körperlichen Frische zukommt, hängt wesentlich von der mentalen Einstellung der Spieler ab. Hier dürften die Vorteile beim SCB liegen. Die Hauptstädter wissen wie kaum eine andere Equipe in der Schweiz, wie man Meister wird und in den alles entscheidenden Spielen seine beste Leistung abruft. Diese Qualitäten haben sie heuer erneut eindrücklich demonstriert. Fünf von sechs Auswärtspartien haben sie gewonnen – vier davon, nachdem sie mit einem Rückstand in der Serie und unter erhöhtem Druck angereist waren. Es wird eine besondere Leistung der Zuger benötigen, um den SCB endgültig in die Knie zu zwingen – in den letzten vier Saisons haben die Berner von zehn Playoff-Serien nur eine einzige verloren, im vergangenen Jahr gegen die ZSC Lions.

Mögen die Zuger auf dem Papier über statistisch messbare und sichtbare Vorteile verfügen, so liegen die Qualitäten der Berner bei den sogenannten «intangibles», weniger fassbaren Werten wie Härte, Erfahrung oder mentale Stärke. Gerade deshalb wird diese Serie einen besonderen Reiz haben, weil sie in Zeiten der zunehmenden Vermessung des Eishockeysports eine Antwort geben kann, wie wichtig letztere Werte tatsächlich sind.

Captain und Topscorer Moser und Arcobello werden ihre Willenskraft auch im Final demonstrieren.
PHOTOPRESS / Anthony Anex

Klar ist, dass auch ein neuerlicher Triumph des SCB – es wäre der 16. Meistertitel und die 9. gewonnene Serie gegen den EVZ im elften Anlauf – den Rückgriff auf data und advanced stats zur besseren Beurteilung der Leistungen von Teams und einzelnen Spielern nicht bremsen wird. Auf der anderen Seite könnte der zweite Meistertitel des EVZ, der das über zwei Dekaden währende Meistertitel-Oligopol der Titanen aus Bern, Davos, Zürich und Lugano durchbrechen würde, die Ausrichtung auf ein schnelles, offensiv ausgerichtetes Puckbesitz-Eishockey, das sich in der NHL in den letzten paar Jahren zunehmend durchgesetzt hat, im hiesigen Eishockey weiter beschleunigen.

In diesem Sinne geht es in der bevorstehenden Finalserie um mehr als «nur» den Meistertitel – mögen die Spiele beginnen!

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