Bull-etin Zug

Knapp zehn Tage vor dem Saisonstart ist es an der Zeit, einige Eindrücke aus der Vorbereitung des EV Zug festzuhalten. Der aufgerüstete Playoff-Finalist hat mehrfach angedeutet, dass er heuer noch stärker sein dürfte – doch noch gibt es ein paar Baustellen.

Nachdem die Zuger alle sechs Vorbereitungsspiele – darunter zwei in Karlstad gegen Färjestads BK – und das Auftaktspiel der Champions Hockey League gegen den dänischen Meister Rungsted siegreich gestalten konnten, mussten sie sich am Samstag gegen den finnischen Champion HPK aus Hämeenlinna erstmals in dieser Spielzeit geschlagen geben. Vielleicht kommt die Niederlage zum richtigen Zeitpunkt – zu nonchalant und undiszipliniert ist der EVZ aufgetreten und hat sich letztlich selbst geschlagen. Die Partie hat einige Eindrücke aus den bisherigen Spielen bestätigt, im Guten wie im Verbesserungswürdigen. Dass ein Eishockey-Team anfangs September über offene Fragezeichen verfügt, liegt in der Natur der Sache – trotzdem sollen sie thematisiert werden.

Top-Linie mit Potential für Bestmarken

In den vergangenen beiden Saisons wurde die Zuger Offensive jeweils von einem Top-Duo bestehend aus Garrett Roe und einem schwedischen Flügel – zunächst Viktor Stålberg, danach Dennis Everberg – angeführt. Auf den Abgang des US-Amerikaners zu den ZSC Lions reagierten die Verantwortlichen mit der Verpflichtung von Jan Kovar – einem der meist gefragtesten und besten Center ausserhalb der NHL. Mit seiner stupenden Stocktechnik, überragenden Spielübersicht und verlässlichem Zweiwegspiel hat der Tscheche seinem Ruf in der Vorbereitung bisher alle Ehre gemacht. Die Chemie des dreifachen Meisters mit Grégory Hofmann scheint zu stimmen – in der Vorbereitung haben sie die Gegner regelrecht zerzaust. Und selbst als die beiden gegen Hämeenlinna einen relativ dezenten Abend einzogen, erzielte Hofmann zwei Treffer im Powerplay. Schöpfen die beiden während der Qualifikation ihr Potential aus, dürfte der letztjährige Liga-Torschützenkönig seine persönliche Bestmarke (30 Tore) pulverisieren und den Rekord aus dem 21. Jahrhundert (Michel Riesen mit 37 Treffern 2006/2007) in Angriff nehmen. Dario Simion, der vor seinem verletzungsbedingten Ausfall gegen HPK die beiden effektiv ergänzt hat, dürfte ebenfalls neue persönliche Bestmarken aufstellen – ideale Voraussetzungen, um sich nach Ende des auslaufenden Vertrages im kommenden Sommer vergolden zu lassen.

Würden Martschini und Senteler eine schlagkräftige Linie bilden?
PHOTOPRESS / Patrick B. Kraemer

Neuer Center für Martschini?

Dass sich die Linie um Kovar so sehr ins Scheinwerferlicht gespielt hat, hängt freilich nicht nur mit deren Talent zusammen. So harmonieren andere designierte Stars noch nicht so prächtig mit ihren Linienkollegen. Weshalb Coach Dan Tangnes Lino Martschini und David McIntyre weiterhin nebeneinander auflaufen lässt, bleibt sein Geheimnis. Die beiden haben in den letzten zwei Jahren allzu selten den Nachweis erbracht, dass sie sich gegenseitig besser machen würden. Im Gegenteil hatten sie ihre besten Phasen oft dann, wenn sie nicht miteinander auf dem Eis standen. Der von Martschini, Erik Thorell und Sven Senteler wunderbar herauskombinierte Siegestreffer gegen Rungsted hat Appetit auf eine gemeinsame Linie mit Martschini und Senteler geweckt. Doch vielleicht erübrigt sich dieses Experiment, wenn der neuverpflichtete Oscar Lindberg und Martschini wie gewünscht harmonieren sollten.

Der Transfer des Schweden darf als Coup betrachtet werden. Der komplette Center hat zuletzt vier Saisons als Stammspieler in der NHL bestritten, wobei es nach seinem starken Saisonende in Ottawa, wo er seine Tauglichkeit als Mittelstürmer unter Beweis gestellt hat, überrascht, dass er keinen Unterschlupf in Nordamerika gefunden hat. Als Playoff-MVP der Schwedischen Elitserien 2012/13 hat der zweifache Weltmeister wie Kovar bereits bewiesen, dass er in der entscheidenden Saisonphase zulegen kann.

Thorell deutet Klasse an

Lindbergs Ankunft dürfte McIntyre vorerst aus dem Team drängen. Diese Entwicklung vermag nicht zu überraschen, da die Rolle des Kanadiers in den letzten Monaten stetig marginalisiert wurde. Dass Tangnes dem 32-Jährigen nicht bedingungslos vertraut, zeigt sich auch in dessen Degradierung als Assistenzkapitän. Neu tragen Martschini und die beiden Verteidiger Santeri Alatalo und Dominik Schlumpf das A auf der Brust. Alle drei haben sich in den letzten Jahren als absolute Leistungsträger des Klubs etabliert und bilden mit Raphael Diaz und Fabian Schnyder den Führungszirkel.

Interessant zu beobachten sein wird, welche Auswirkungen Lindberg auf den dritten neuen Ausländer, Erik Thorell, haben wird. Der Schwede konnte seinen Speed, seine herausragende Stocktechnik und sein druckvolles Forechecking andeuten, doch hat ihm bisher das Glück im Abschluss gefehlt. Ebenfalls positive Ansätze zeigte das Trio um Senteler mit den Flügeln Carl Klingberg und Jérôme Bachofner, die mit ihrer Intensität und physischen Präsenz die gegnerischen Abwehrreihen unter Druck setzen. Weniger Physis, dafür viel Speed bringen die Flügel Sven Leuenberger, Yannick Zehnder und Schnyder auf das Eis, die alternierend an der Seite von Center Yannick-Lennart Albrecht wirbeln.

McIntyre konnte zuletzt nur noch selten an seine brillanten Leistungen in den Playoffs 2017 anknüpfen.
PHOTOPRESS / Gian Ehrenzeller

Luxusproblem im Powerplay

Die Puzzleteile für eine schlagkräftige Formation, in der alle Linien regelmässig Tore erzielen können, sind vorhanden. Am Coaching Staff liegt es nun, die idealen Kombinationen zu finden, um aus allen Spielern das Maximum herauszuholen. Ähnlich liegt der Fall beim Powerplay. Wer es sich guten Gewissens erlauben kann, drei seiner vier Importspieler in der zweiten Formation aufzubieten, sieht sich mit einem Luxusproblem konfrontiert. Doch scheint es schwierig, Argumente gegen die erste Wahl bestehend aus Kovar, Hofmann, Martschini, Diaz und Senteler anzuführen. Neu soll die Rolle des Akteurs im Slot freier interpretiert werden. So lässt sich Kovar zuweilen auf die Seite zurückfallen, um als Spielmacher seine Mitspieler in Szene zu setzen (dafür rückt Senteler in den Slot vor dem gegnerischen Tor).

Der Massstab für Genoni

Weniger personelle Rochaden sind bisher in der Verteidigung zu verzeichnen, was aufgrund des unveränderten Personals wenig verwundern mag. In der eigenen Zone werden die Augen vorwiegend auf Torhüter Leonardo Genoni gerichtet sein. Die Ankunft des fünffachen Meistertorhüters wird zurecht an hohe Erwartungen geknüpft. Allerdings sollte die Perspektive gewahrt werden. Da der EVZ ein aggressiveres System als der SC Bern spielt und die gefährliche Zone vor dem eigenen Tor weniger hermetisch abriegelt, wird es für Genoni eine Herkulesaufgabe, seine fabelhaften Statistiken aus der Vorsaison zu wiederholen. Doch dafür wurde er ohnehin nicht geholt – gemessen wird er, noch mehr als alle seiner Mitspieler, an seinen Leistungen in den Playoffs.

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