Bull-etin Zug

Am Samstag startet der EV Zug gegen die ZSC Lions in die Playoffs und beginnt die Mission, (mindestens) den Final-Coup des letzten Jahres zu wiederholen. Die erste Station auf dem Weg dorthin verspricht eine ausgeglichene, emotionale und wechselhafte Serie – unter ungewöhnlichen Vorzeichen.

Von Yannick Ringger  (Bild: PHOTOTPRESS / Alexandra Wey)

Kaum zu glauben, aber wahr. Die Zuger starten auf dem Papier als Favorit gegen ihren vormaligen Angstgegner in die Playoffs – jedenfalls, wenn man nicht das Potential der beiden Teams miteinander vergleicht, sondern die jüngsten Ergebnisse auf dem Eis. Seit der Jahreswende tritt die Mannschaft des ehemaligen ZSC-Meistertrainers Harold Kreis wie ein ernsthafter Meisteranwärter auf, der nicht nur die meisten Partien gewinnt, sondern diese regelmässig über weite Strecken dominiert. Auf der anderen Seite produziert die hochtalentierte Zürcher Truppe auch nach dem Trainerwechsel vom Laisser-faire-Regime der beiden Schweden Hans Wallson und Lars Johansson zum gestrengen Hans Kossmann auf den Jahreswechsel hin höchst durchschnittliche Ergebnisse.

Aufwärtstendenz bei den ZSC Lions

Wer die Leistungen der Zürcher gründlicher analysiert, stellt allerdings fest, dass bei den Darbietungen zuletzt eine Aufwärtstendenz hinsichtlich Spielanteile festzustellen ist. Bei den Statistiken zum Anteil der Schüsse auf das gegnerische Tor, Schussversuche insgesamt und Schussversuche ohne geblockte Schüsse haben die Lions in den letzten 15 Partien die besten Werte aufgewiesen. Beispielsweise konnten sie sich in diesem Zeitraum für 60.55 Prozent der in ihren Partien auf das Tor abgegebenen Schüsse verantwortlich zeichnen – mit Abstand der beste Wert der Liga. Der EVZ konnte im selben Zeitraum die Schussstatistik mit 50.17 Prozent knapp zu seinen Gunsten entscheiden, womit er Liga weit immerhin den vierten Rang belegt. Dass die beiden Teams in den letzten 15 Partien dennoch genau gleich viele Treffer (38) erzielt haben, kann auf die schlechteste Schusseffizienz (6.4 Prozent) der Zürcher zurückgeführt werden. Die mathematischen Wahrscheinlichkeiten tendieren dazu, dass sich dieser Wert bald erhöht. Angesichts so hochtalentierter Stürmer wie Topscorer Fredrik Pettersson, Roman Wick, Linden Vey, Pius Suter oder Inti Pestoni (der in Zürich bisher kaum auf Touren gekommen ist), scheint die Zürcher Tormaschinerie jeden Moment vor der Explosion zu stehen. Erholt sich Künstler Robert Nilsson von seiner Gehirnerschütterung, darf definitiv mit ein paar spektakulären und torreichen Partien gerechnet werden. Die Zürcher sind dermassen breit besetzt, dass auch der verletzungsbedingte Ausfall von Star-Verteidiger Severin Blindenbacher nicht als Ausrede für ein allfälliges Zürcher Scheitern akzeptiert würde.

Direktbegegnungen ohne klares Muster

Aufgrund der zugrundeliegenden Statistiken darf also mit einer eng umkämpften und spannenden Serie gerechnet werden. Dies würde den vier Direktbegegnungen während der Qualifikation entsprechen, von denen die Zuger zwar drei für sich entscheiden konnten, wobei zwei Partien davon äusserst umstritten waren und auf beide Seiten hätten kippen können. Dabei gelang es den Zugern auch, nach neun aufeinanderfolgenden Niederlagen im Hallenstadion ein Rezept zu finden, um die Zürcher wieder einmal auswärts zu schlagen.

Insgesamt lassen die vier Direktbegegnungen dieser Saison wenige allgemeine Schlüsse zu – ausser, dass der EVZ drei von vier Partien gewonnen hat, obwohl er in drei von vier Partien weniger Schüsse verzeichnet hatte. Zu ergänzen ist freilich, dass er in der letzten Begegnung nach einem dominanten Startdrittel und dem 3:0 zu Beginn des zweiten Drittels den Spielbetrieb im Mitteldrittel weitgehend eingestellt und sich mit der blossen Verwaltung des Vorsprungs begnügt hat. Insofern verrät ein Blick auf die Schussstatistik nur die halbe Wahrheit. Die angesprochene Partie sowie die erste Begegnung, die der ZSC mit 7:3 deutlich für sich entscheiden konnte, waren klare Angelegenheiten, in denen der jeweilige Gewinner von Beginn weg dominierte und bereits im ersten Drittel vorentscheidend in Führung gehen konnte. Die anderen beiden Spiele dagegen waren eng umkämpft, wobei der EVZ aufgrund der höheren Effizienz beide Male das bessere Ende für sich behalten konnte.

Die Erfolgsquote der Powerplays waren bei beiden Teams ähnlich überdurchschnittlich hoch – sowohl in der Qualifikation insgesamt als auch in den Direktbegegnungen – doch haben die Zuger tendenziell mehr Strafen genommen als die Zürcher. In einer engen Serie kann dies den entscheidenden Unterschied machen. Dem EVZ ist es zuletzt gelungen, die Anzahl seiner Strafen zu reduzieren und disziplinierter aufzutreten, als dies noch bis im Dezember der Fall gewesen war. Einer der Schlüssel im Viertelfinal wird sein, ob das Team von Kreis diese Tendenz fortsetzen kann.

Bild: PHOTOPRESS / Christian Merz

Fähige Torhüter, talentierte Rollenspieler, Topstürmer mit Playoff-Fluch

Zwei weitere Schlüsselfaktoren stellen die Torhüter sowie die Produktivität der Rollenspieler dar. Tobias Stephan hat letzten Frühling seine Fähigkeiten als Playoff-Hexer eindrücklich unter Beweis gestellt und diese Saison eine äusserst konstante, weitgehend überzeugende Qualifikation absolviert. Sein Antipode Lukas Flüeler hat ebenfalls eine solide Qualifikation hinter sich und Backup Niklas Schlegel hat sich nach einem schwachen Saisonstart gesteigert, doch lässt die durchschnittliche Fangquote von 91.4 Prozent in den letzten 15 Spielen (EVZ: 93.0 Prozent) noch Raum zur Verbesserung zu. Einem gesunden Flüeler, der sein Team bereits zum Titel gehext hat, ist diese Steigerung auf den Saisonhöhepunkt hin jedoch ohne Weiteres zuzutrauen.

Hinsichtlich der offensiven Rollenspieler verfügt der ZSC über mehr Breite und «namhaftere» Namen. Allerdings haben Spieler wie Ronalds Kenins, Reto Schäppi, Fabrice Herzog oder Mike Künzle in der Qualifikation ihr Potential zu wenig ausgeschöpft – eine Steigerung scheint notwendig zu sein, zumal die dritte Zuger Linie um Nolan Diem, Dominic Lammer und Sven Senteler zuletzt ihren Torriecher gefunden hat. Offensive Fragezeichen sind beim EVZ dafür ausgerechnet bei zwei der vermeintlichen Topshots zu setzen. So haben sich bisher weder Lino Martschini noch Topscorer Viktor Stålberg einen Ruf als Playoff-Topscorer erworben. In den letzten drei Playoffs hat Martschini nur zwei Treffer (in 26 Partien) erzielt. Auf dieselbe magere Ausbeute kommt Stålberg nach sieben Playoffs in seiner Profikarriere. Zwei Treffer in 62 Partien sind selbst für einen Rollenspieler in der NHL ein bescheidener Wert – die Erfolgschancen der Zuger würden jedenfalls massiv ansteigen, wenn der Schwede dem Team nicht nur seine Siegermentalität als Gewinner des Stanley Cups 2013 einimpfen, sondern zudem auf dem Eis seinen persönlichen Playoff-Fluch brechen kann.

Trotzreaktion der Lions?

Die ausgeführten Punkte lassen darauf schliessen, dass es sich bei der vorliegenden Paarung nicht um eine typische Begegnung zwischen einem klar favorisierten Zweiten und einem Underdog handelt. Vielmehr darf eine ausgeglichene Serie mit mehreren Momentum-Wechseln, spektakulären Augenblicken und einer Portion an Drama erwartet werden. Aufgrund des Saisonverlaufs dürfen die Zuger leicht favorisiert werden. Sie tun gut daran, diese Rolle anzunehmen und ihr Spiel dem Gegner aufzwingen zu versuchen. Wer die Scheibe laufen lässt und dem Gegner stets einen Schritt voraus ist, kann mehr Chancen produzieren und Strafen provozieren. Allerdings würde es nicht überraschen, wenn die Zürcher nach der missglückten Qualifikation alles daransetzen würden, um ihre Saison mit einer Trotzreaktion zu retten – und Klublegende Mathias Seger somit jenen Abschied zu bereiten, den dieser verdient hat.

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