NHL Observer

Die ausgeprägte „Parität“ in der NHL macht es möglich: Mit einer Siegesserie können selbst Mannschaften, die zum Jahresbeginn einen scheinbar aussichtslosen Punkterückstand vorweisen, in Extremis die Playoffs erreichen.

Die St.Louis Blues schrieben letztes Jahr die Cinderella Story schlechthin, als man vom letzten Platz (Stand 2. Januar 2019) das Feld von hinten aufrollte, die Playoffs noch erreichte und danach den Siegeszug bis zum Stanley Cup-Sieg weiter zog. Natürlich wurde dieser Exploit begünstigt durch das psychologisch wichtige „Momentum“ der unverhofften Qualifikation und einer langen Siegesserie, durch eine Leistungskonstanz, die andere Teams vermissen liessen, durch einen geglückten Trainerwechsel, einer Goalieentdeckung und in den Playoffs erwies sich die Kaderzusammenstellung als ideal für diese Mission. Natürlich kommen nicht jedes Jahr so viele glückliche Umstände zusammen, um jedes Mal eine neue Cinderella Story dieses Ausmasses möglich zu machen. Wir stellen uns die Frage: Welches Team könnte die „Mission Impossible“ dennoch schaffen und den „Blues“ nacheifern?

Bereits erfolgreich die Aufholjagd innerhalb weniger Wochen vollzogen und sich in eine gute Position gebracht haben sich die Toronto Maple Leafs und Tampa Bay Lightning. Andere haben einen längeren Weg vor sich. Momentan zuzutrauen wäre eine Aufholjagd „à la St. Louis Bues“ mit anschliessend erfolgreichen Playoffs aufgrund der Kaderzusammenstellung und der aktuellen Teamverfassung wie auch resultattechnischen Entwicklung eigentlich nur noch zwei Teams: Den Nashville Predators und den San Jose Sharks. Dafür müssen aber verschiedene Parameter optimal funktionieren:

Neue Besen...?

Wie schon im Spätherbst 2018 beim aktuellen Stanley Cup-Champion, vollzogen die Nashville Predators und San Jose Sharks einen Trainerwechsel. Beiden jedoch schmerzte dieser sehr und war ein einschneidendes Erlebnis. Sowohl Peter Laviolette wie auch Peter DeBoer hatten zuvor ihre Teams in eine Stanley Cup-Finalserie geführt und genossen hohes Ansehen. Dennoch zeigte genau deswegen der Trainerwechsel bei beiden mittelfristig Wirkung. Vor allem im psychologischen Bereich, denn die Spieler machten sich Vorwürfe und gaben sich jeweils die Schuld an der Trainerentlassung. Dies ermöglichte eine noch intensivere Hinterfragung und forcierte den Willen einer Wiedergutmachung, wie mehrere Spieler bestätigten: „Wenn ein Coach seinen Job verliert, sind wir Spieler immer mitschuldig“, sagte Logan Couture und Joe Thornton wie auch Brent Burns meinten zudem, dass man „Pete sehr respektierte und viel zusammen erreichte, aber „irgendwie hätte es doch einen neuen Impuls gebraucht, um aus einem sportlichen Teufelskreis zu kommen“. Ähnlich waren die Wortlaute der Spieler in Nashville. Kommt hinzu, dass Nashville GM David Poile bekannt dafür ist, dass er viel Geduld und Vertrauen in langfristige Konzepte hat. Von1998 bis 2019 hatte Nashville nur zwei unterschiedliche Cheftrainer (Barry Trotz bis 2014 und Peter Laviolette).

Kaderstruktur und Schlüsselspieler

Wie schon bei St. Louis 2019 haben bislang in langen Phasen der Saison bei den Predators und Sharks die Schlüsselspieler und Goalies nicht die gewohnte Leistung abgerufen. Besonders die hochgelobte Preds-Offensive war eine Enttäuschung. Es ist nicht normal, dass die beste Offensivwaffe ein Verteidiger ist – nämlich Captain Roman Josi. Filip Forsberg, Matt Duchene oder auch Ryan Johansen und der zeitweise verletzte Viktor Arvidsson entfalteten nicht ihr ganzes Potenzial. Kommen diese Stürmer endlich dauerhaft in Fahrt, wird sich das bemerkbar machen. Auch bei den Goalies ist Steigerungspotenzial deutlich erkennbar: Pekka Rinne und Juuse Saros waren eine gewisse Zeit statistisch sogar eines der schlechtesten Goalie-Tandems der Liga. Der Trend zeigt seit einigen Wochen in eine andere Richtung. Bei den Sharks sieht es ähnlich aus. Die Goalies zeigen eine Aufwärtstendenz. Das trifft auch auf die Schlüsselspieler zu wie Timo Meier, Brent Burns oder Kevin Labanc. „The Trend is your friend“ heisst es ja so schön. Leider können sowohl die Sharks wie auch die Preds noch keine anhaltende Siegesserie etablieren wie die Blues vor einem Jahr. Manager Doug Wilson fasste die Situation so zusammen: „Das Team und jeder Einzelne hat diese Saison die Erwartungen noch nicht erfüllt und wir waren nicht so konstant, wie wir es hätten sein müssen. Jetzt hat jeder die Möglichkeit, die Situation zu korrigieren.“

Trade Deadline 2020

Luft nach oben gibt es auch bezüglich der Trade Deadline am 24. Februar 2020. Hier müssten jedoch die Sharks etwas kreativer sein, da nur gerade rund 3,6 Millionen als „Cap Space“ zur Verfügung stehen. Aber General Manager Doug Wilson zeigte ja schon unlängst, dass er tief in die Trickkiste greifen kann, als er mit Kevin Labanc eine sehr kreative Lösung fand, die den Salary Cap nicht zu sehr belastete. Von ihm darf man durchaus die eine oder andere weitere Überraschung erwarten. In Nashville ist diesbezüglich mehr möglich: Mit einer „Predicted Deadline Cap Space“ von über 8,8 Millionen kann man durchaus einige Optionen in Betracht ziehen. Zwei bis drei gut verdienende Spieler wie Mikael Granlund und Craig Smith werden zudem 2020/21 so genannte Unrestricted Free Agents und könnten für andere Teams von Interesse sein. Zu beachten ist jedoch bei allen diesen Denkmodellen, dass diese Zahlen nur für die aktuelle Saison gelten. Die GM müssen entscheiden, ob man aufgrund der Gehaltsobergrenze und -struktur einem Spieler aus einem grossen Trade im Februar auch für die kommende Saison die Option zur Vertragsverlängerung vorschlagen möchte oder kann.

Psychologisches Momentum

Den St. Louis Blues half 2019 das viel zitierte und nie zu unterschätzende „Momentum“. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des Saisonverlaufs und wie die „letzte Meile“ in der Qualifikation ablief. Wer während der Saison grosse Probleme durchstehen muss und sich wieder in einer gewinnbringenden Position wiederfindet, macht nicht nur positive Energien für die Endphase der Qualifikation frei, sondern tankt viel Selbstvertrauen und Kraft für die Playoffs. Der erfolgreiche Umgang mit Widerständen sorgt zudem für den Gruppenzusammenhalt. Das war bei den St.Louis Blues ein wichtiger Faktor für das „Stanley Cup-Märchen“. Das ist auch den „Preds“ und Sharks zuzutrauen.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch beim Slapshot sowie beim Top Hockey und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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