NHL Observer

Es war ein bewegender Moment für das Eishockeytalent Ozzy Wiesblatt und die gesamte Familie: Der NHL-Club San Jose Sharks draftete den 18-jährigen noch in der ersten Runde als Nummer 31. General Manager Doug Wilson machte dies in der Gebärdensprache. Als Würdigung für Ozzy Wiesblatts taube Mutter, die Herausragendes geleistet hatte, um ihren vier Söhnen eine Eishockeykarriere zu ermöglichen. Das war sicherlich einer der bewegendsten Draft-Momente aller Zeiten.

Ozzy Wiesblatt von den Prince Albert Raiders (WHL) ist nicht nur ein herausragendes Talent. Dynamisch, sehr schnell auf den Kufen und mit einer herausragenden Technik und einer sehr hohen Spielintelligenz ausgestattet. Im Scouting Report steht, dass er im Transitionsspiel eine echte Rakete sei mit einem unglaublichen Antritt. Er ist auch physisch voll auf der Höhe, was man ihm bei seinen feinen Gesichtszügen vielleicht auch nicht zutrauen mochte.

Was bei ihm überzeugt ist die Konstanz und immerwährende Dynamik, denn jeder Shift wird gleich intensiv und mit der gleichen Härte gegenüber sich und den Gegnern gefahren. Er ist auch – wie seine Coaches und Gegner es jeweils sagten – ein echter „Pain in the a...“. Was man aber auch über ihn sagt: Ozzy Wiesblatt blieb immer, trotz seines Status’ als Local Hero in der Community, bescheiden und extrem fleissig. Seine Spielweise charakterisiert ihn nämlich auch als Menschen, da sein Leben ihn in doch sehr speziellen familiären Umständen geformt und zur Kämpfernatur machte: Beide Eltern taub, wuchsen Ozzy und seine Brüder Ocean, Orca und Oasiz sowie Tocher Oceania in bescheidenen Verhältnissen in Kelowna auf. Sie lernten die Gebärdensprache von den Eltern und die gesprochene Sprache auf eigene Faust über Lernsendungen am TV. Als die Ehe der Eltern zerbrach, musste die Familie noch härter auf die Zähne beissen und Mutter Kim mehrere Jobs ausüben, damit auch alle vier Söhne ihren Traum vom Eishockey leben konnten.

Tapfere Mutter, talentierte Jungs

Ozzy und Orca Wiesblatt erwiesen sich als besonders talentiert und erfolgreich. Als Orca Wiesblatt einen Vertrag bei den Calgary Hitmen erhielt, zog die Familie in die Metropole Albertas um, ohne jemanden dort zu kennen und schlug sich auf eigene Faust durch. Orca biss sich durch bei den Hitmen, Ozzy wurde zum besten Spieler bei den Raiders. Jetzt kommt eine erste grosse Belohnung mit dem NHL-Draft. „Ich habe unserer Mutter so wahnsinnig viel zu verdanken!“, sagt Ozzy Wiesblatt. Ohne sie hätten wir alle das nicht geschafft. Experten geben eine gewagte Prognose: Auch die zwei anderen Brüder - Orca und Oasiz - hätten vielleicht das Zeug für die NHL. Das wäre eine Sensation, denn nur die berühmten Sutter-Brüder hätten so mehr gleichzeitig spielende Familienmitglieder in der NHL gestellt.

Ein erstaunlicher Trend...

Ein weiterer Aspekt ist erstaunlich und scheint einen Trend der letzten Jahre zu bestätigen: Nach dem Draft der Gebrüder Jack und Quinn Hughes letztes Jahr wäre bereits wieder ein jüdischer Eishockeyspieler in Runde Eins gezogen worden und Ozzy Wiesblatt gesellt sich so zu gestandenen und etablierten aktuellen jüdischen NHL-Cracks wie Nate Thompson, Cody Glass, Zach Hyman, André Burakowsky oder auch Adam Fox, Jason Zucker, Jason Demers, Brandon Leipsic oder Jakob Chychrun.

Aktuell ist der aus Montreal stammende junge Goalie Devon Levi bei den Eishockeyfans in aller Munde. Er ist der Junioren-Nationalgoalie Kanadas und einer der grössten Talente auf dieser Position weltweit. An den soeben zu Ende gegangenen U20-Weltmeisterschaften war er herausragend. Sein Weg in die beste Liga der Welt ist vorgezeichnet. Andere jüdische Eishockeyspieler kämpfen noch um den NHL Durchbruch wie beispielsweise David Warsofsky oder Josh Ho-Sang (auch er war ein Erstrundendraftpick der New York Islanders). Auch in Europa bekannte Namen wie Jonathon Blum (Ex-Nashville/NHL, jetzt Faerjestads BK/Schweden) und Jacob Micflikier (EHC Biel/Schweiz) gehören dazu. Man könnte die Liste mit vielen Dutzend Namen fortsetzen. Unter anderem auch mit Evan Kaufmann, ehemals DEL-Profi und 17-facher deutscher Nationalspieler. Ozzy Wiesblatt würde also in die Fussstapfen von ehemaligen jüdischen Topstars wie Marty Turco, Valeri Kamenski, Mathieu Schneider, Corey Hirsch, Ronnie Stern, Stephen Weiss, Bob Nystrom, Mike Cammalleri, Jeff Halpern, Tanner Glass oder Mike Brown treten. Auch ein gewisser David Levin sorgt für Schlagzeilen. Er ist der erste Israeli (geboren und aufgewachsen in Tel Aviv), der ein Nummer Eins Draftpick in der OHL wurde (2015). Bei den Sudbury Wolves (OHL) ist der kanadisch-israelische Flügelstürmer einer der Topskorer und steht im Fokus der NHL-Teams für den Draft 2021. Auch in Deutschland spielte einst mal ein David Levin (israelisch-deutscher Doppelbürger), nämlich bei ECC Preussen Berlin in der Regionalliga Ost.

Sympathiewelle für die Wiesblatts

Vorher aber muss Ozzy allen Vorschusslorbeeren gerecht werden. Sharks General Manager Doug Wilson hat da aber keine Bedenken: Denn was Ozzy Wiesblatt bisher unter den gegebenen Umständen mit dem geerbten Esprit seiner Mutter Kim geschafft habe, spreche schon Bände. Nicht wenige ziehen den Hut vor Ozzy und der ganzen Familie, die sehr stark zusammenhält. Eine Sympathiewelle für die Wiesblatts schwappt über ganz Kanada und wohl auch bald über San Jose und die NHL. Die Geschichte mit möglichem Happy End ist drehbuchreif und vielleicht wird sich bald jemand die Filmrechte an der Story sichern.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch beim Slapshot sowie beim Top Hockey und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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Was passiert hinter den Kulissen der NHL und was steckt hinter den Geschichten, die uns bewegen? NHL Insider Joël Ch. Wuethrich öffnet für SHN sein NHL Netzwerk.

 

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