NHL Observer

Die Canadiens de Montréal gehören zu jenen NHL-Clubs, die man aufgrund ihrer Tradition und kulturell wie auch wirtschaftlichen Bedeutung gerne wieder im Kreise der Topclubs sehen würde. Und es deuten nicht wenige Anzeichen darauf, dass die „Habs“ sehr bald wieder Aufnahme in den erlauchten Kreis der regelmässigen Playoff-Teilnehmer finden werden.

Vielleicht nicht gleich diese Saison, aber sicherlich sehr bald wieder wird Playoff-Hockey in Montréal gefeiert: Dies ist derzeit der Gesamteindruck bei den Fachleuten und Fans in der Belle Province. Gründe dafür gibt es genug, denn in den letzten beiden Jahren nach dem sportlichen Supergau, der auf den Stanley-Cup-Finaleinzug 2021 folgte, wurde gut und vor allem nachhaltig gearbeitet. Auch wenn die Wachablösung für die Ära nach Carey Price, Shea Weber & Co. etwas zu früh kam. Aber dies hatte auch einen Vorteil, denn viele der jungen, neuen Schlüsselspieler mussten sich bereits unter schwierigsten Bedingungen etablieren. Und neue Hoffnungsträger wurden früher als geplant zu Stammspielern. Mitunter hatte dies auch damit zu tun, dass die Canadiens das in der NHL wohl am meisten von der Verletzungshexe geplagte Team waren. Alleine ohne Carey Price, Paul Byron und Shea Weber kam man in den letzten beiden Saisons aufgrund von Verletzungen auf fast 1300 „Spielausfälle“, kumuliert auf das Team. Letzte Saison traf es wichtige Defensivspieler wie etwa Michael Matheson oder das Verteidiger-Ass der Zukunft, Kaiden Guhle. Beide fielen langfristig aus wie auch Stürmer Sean Monahan und Nummer-Eins-Draftpick 2022, Juraj Slafkovský. Das sind nur einige wenige Beispiele.

Ein Rebuilding inklusive Housecleaning war unumgänglich

Natürlich war vielen in Montréal schon bewusst, dass die Saisons nach der Playoff-Sternstunde - inklusive Finalteilnahme - eine sportliche Zäsur und eine Kaderveränderung mit sich bringen würden. Es folgten ja dann auch nachhaltige Mutationen in der sportlichen wie auch infrastrukturellen Leitung. Was gut gelang: Man konnte den Unmut bei den wohl euphorischsten, aber gleichzeitig auch kritischsten Medien und Fangemeinde abfedern. Unter anderem mit einer geschickten Draft- und Transferpolitik. GM Kent Hughes, der auf Marc Bergevin folgte, hatte eine Herkules-Aufgabe vor sich, als er im Januar 2022 den Posten als General Manager bei den Montréal Canadiens übernahm. Ausgerechnet als GM-Rookie musste er im äusserst anspruchsvollen Hockeymarkt Montréal für das Rebuilding die Verantwortung bei der mittelfristigen Kaderplanung übernehmen. Und er zeigte sich kreativ. Sowohl bei den Draftpicks 2022 und 2023 wie auch bei einigen sehr interessant orchestrierten Transfers, wo nicht selten einige Clubs darin involviert waren. Und nicht zuletzt auch bei der aktuellen Saisonplanung konnte er wieder überraschen.

Mutige Kaderplanung

Ganz so wie im bekannten Song „Alles Neu“ von Peter Fox ist die Ausgangslage also nicht bei den Canadiens de Montréal. Die strategische Rebuilding-Kaderplanung ist fortgeschritten. Viele Fachleute schätzen die Canadiens um einiges stärker ein als zuletzt und vieles deutet darauf hin, dass das Rebuilding in absehbarer Zeit mit sportlichem Erfolg gekrönt werden wird. Die neue Philosophie bei den „Habs“ wird zudem konsequent umgesetzt. Ein Beispiel: Im Kader stehen einige beliebte, erfahrene Verteidiger (David Savard, Mike Matheson...) und es wimmelt von jungen, sehr talentierten Mitspielern in der Defensive (Kaiden Guhle, Arber Xhekaj, Jordan Harris, Justin Barron). Es könnten auch bald neue Kandidaten folgen. Aktuell ist – noch weit vor dem diesjährigen Erstrunden-Draftpick David Reinbacher, der nun für seine Weiterentwicklung als Leihspieler zum EHC Kloten zurückkehrt – ein gewisser Logan Mailloux in der Pole Position. Dieser – ein Erstrunden-Draftpick 2021 - machte Schlagzeilen, weil er gesperrt wurde aufgrund eines Sexting-Vorfalls in Schweden. Geläutert und in vielen Sensibilisierungskampagnen eingebunden, ist der sehr talentierte Logan Mailloux mittlerweile wieder einigermassen in die Eishockey-Familie aufgenommen worden.

In der Offensive hat sich vor allem im Bereich des Secondary Scorings einiges getan. Nick Suzuki, Kirby Dach und Cole Caufield als junge Leader im Team werden sekundiert von den erfahrenen Sean Monahan, Josh Anderson, Christian Dvorka und Brendan Gallagher. Nun ist mit Alex Newhook ein wertvoller Spieler für die Kadertiefe und das Secondary Scoring dazu gekommen. Gespannt darf man sein, wie nun Juraj Slafkovský – diesmal hoffentlich verletzungsfrei – in seiner Sophomore Season performen wird. Er hatte eine schwierige Rookie-Saison, die zu früh durch Verletzungspech unterbrochen wurde. Aber enttäuscht hatte der Slowake nicht. Sehr gespannt ist man auf Rafaël Harvey-Pinard. Der Fanliebling, gerne „RHP“ gerufen, hat sich einen Top-Vertrag dank einer starken Halbsaison 2023 verdient. Er war einer der Topskorer der Rockets de Laval (AHL) und sprang bei den „Habs“ einige Wochen in die Bresche, als das Verletzungspech immer wieder zuschlug. Seine Spielweise und Art, wie er sich gibt, kommt bei den Fans und bei Chefcoach Martin St. Louis sehr gut an. Ausserdem ist er ein Québecois. Nicht mehr bei den „Habs“ sind ja mittlerweile Mike Hoffman, Evgeni Dadonov oder auch Jonathan Drouin. Auch ein Beleg für die klare Verjüngungskur und Identitätsanpassung, welche bei den Canadiens konsequent vollzogen wird.

Die Torhütersituation lässt einiges an Interpretationsspielraum zu: Klar ist, dass Carey Price nicht mehr ins NHL-Geschehen eingreifen wird. Auch wenn er aus wirtschaftlich-taktischen und versicherungstechnischen Gründen seinen definitiven Rücktritt noch nicht bekannt gegeben hat. Mit Routinier Jake Allen und Samuel Montembeault, der letzte Saison zur heimlichen Nummer Eins bei den „Habs“ avancierte und mit Kanada auch noch Weltmeister wurde, steht das NHL-Duo. In der Hinterhand kann man auf Casey DeSmith und Supertalent Cayden Primeau (Rockets de Laval) zurückgreifen.

Der Trainer ist der Star

Natürlich muss man auch über den Chefcoach sprechen: Auf Martin St. Louis warten also einige neue Herausforderungen. Jetzt heisst es für den Sophomore-Coach nicht mehr korrigieren und motivieren, sondern fördern und entwickeln. Als Quereinsteiger konnte der ehemalige NHL-Star mit seiner Präsenz und Motivationsgabe vor rund eineinhalb Jahren einiges bewegen und neue Zuversicht bei den „Habs“ erwirken. Nun aber muss er sich immer mehr in den Bereichen Spieltaktik, Spielerentwicklung und Teamführung beweisen. Dies sind ungleich schwierigere Aufgaben. Ganz wichtig dabei ist: Die Clubführung und die meisten in der grossen Fangemeinschaft vertrauen ihm.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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Was passiert hinter den Kulissen der NHL und was steckt hinter den Geschichten, die uns bewegen? NHL Insider Joël Ch. Wuethrich öffnet für SHN sein NHL Netzwerk.