NHL Observer

Bereits in den ersten Saisonwochen plagen einige NHL-Teams grössere Verletzungssorgen. Besonders jene, die längerfristig auf absolute Leistungsträger verzichten mussten oder dies noch immer tun, hoffen nun, dass ihre General Manager bezüglich Aufbau der Kadertiefe gute Arbeit geleistet haben.

Bei einigen NHL-Teams ist das Lazarett bereits stark belegt – auch mit den jeweiligen Schlüsselspielern: Seit Monaten befindet sich der Captain der Colorado Avalanche, Gabriel Landeskog, auf der Langzeit-Verletztenliste. Und die „Avs“ werden die ganze Saison auf ihn verzichten müssen. Ein anderer Langzeitverletzter, Max Pacioretty, wird indessen Mitte November nach mehreren Monaten Pause endlich sein erstes Spiel für sein neues Team, die Washington Capitals, bestreiten. Die Liste weiterer verletzter Teamleader ist lang: Auch Taylor Hall verpasste den Saisonstart bei den Chicago Blackhawks und kann erst jetzt im November 2023 endlich ins NHL-Geschehen eingreifen. Auch Brett Pesce von den Carolina Hurricanes wird erst Mitte November wieder voll ins Tagesgeschäft einsteigen. Die Liste von derzeit verletzten Schlüsselspielern lässt sich erweitern mit Patrick Laine (bald wieder fit), Alex Killorn, Rasmus Ristolainen, Logan Couture, Brendan Tanev oder Robbie Fabbri, die glücklicherweise alle aber bald wieder einsatzfähig sein werden. Bei den Ottawa Senators indessen hat es Thomas Chabot härter getroffen. Er fällt bis Ende November 2023 aus. Chabot ist ein absoluter Leistungsträger und der Abwehrchef bei den „Sens“. Auch der nunmehr längerfristige Ausfall des New York Rangers-Superstars Adam Fox wird den Blueshirts schwer zu schaffen machen. Auch er ist der wohl wichtigste Verteidiger und einer der MVP seines Teams. Und nicht zuletzt stellt für die Tampa Bay Lightning der zweimonatige Ausfall von Andrei Vasilevsky ein ernstes Problem dar.

Mit Kadertiefe dem Verletzungspech trotzen

Manche Teams sind aber besonders heftig von der Verletzungshexe heimgesucht worden. Einmal mehr gehören die Montréal Canadiens dazu, die bereits vorletzte und letzte Saison auf mehrere Stars und Schlüsselspieler jeweils monatelang verzichten mussten. Nun ist es also wieder passiert, dass gleich mehrere Spieler für längere Zeit ausfallen: Christian Dvorak verpasste den Saisonstart und kann Anfang November wieder ins Geschehen eingreifen. David Savard, der vielleicht nach Mike Matheson wichtigste Verteidiger bei den „Habs“, ist nunmehr nach heldenhaft geblockten Schüssen in mehreren Partien von Mitte Oktober bis Ende Dezember nicht einsatzfähig. Zuvor verletzte sich der für die Balance in der Defensive eminent wichtige Jungstar Kayden Guhle und fehlte einige Partien. Er ist jedoch mittlerweile wieder einsatzfähig. Besonders hart traf es Kirby Dach, der nominell zweite Centerspieler. Er fällt für den Rest der Saison aus, war aber ein wichtiges Puzzlestück im Team der „Habs“. Aufgefangen wurden diese Verluste bisher, indem zuvor überzählige Akteure einsprangen und ihre Sache gut machten, einige Spieler mehr Eiszeit abspulten oder kurzfristig vom AHL-Team einberufene Ersatzspieler aufgeboten wurden.

Auch die Florida Panthers (Aaron Ekblad und Brandon Montour) sowie die Minnesota Wild (Jarred Spurgeon, Matt Boldy, Alex Goligoski, Frédérick Gaudreau) mussten oder müssen noch immer auf Stammkräfte und wichtige Spieler verzichten. Auffällig hier: Bei beiden Teams fehlen jeweils zwei Top-4-Verteidiger.

Bei allen drei besonders mit Verletzungspech geplagten Mannschaften brennt der Baum deswegen aber (noch) nicht, weil die Saison noch jung ist. Denn oft zeigt sich vor allem gegen Ende der Qualifikationsrunde und in den Playoffs, wie wichtig eine gute Kadertiefe sein kann. Dennoch: Nicht zu unterschätzen ist, wenn bereits zu Saisonbeginn viele Schlüsselspieler in Sachen Energiehaushalt an ihre Grenzen müssen. Das rächt sich in der Regel im Frühling. Besonders schwierig wird es, wenn der Stammkeeper lange ausfällt wie im Falle von Andrei Vasilevsky. Hier zeigt sich – nicht immer unmittelbar - ungeschminkt, ob man auf dieser Position gut vorgesorgt hatte und einen starken Backup aufbauen konnte sowie eine gute zweite Backup-Alternative im Kader oder aus dem AHL-Team zur Verfügung hat.

Fazit: Kadertiefe bedeutet nicht nur, dass man genügend Alternativen für die verschiedenen Positionen hat, sondern auch, dass verletzte Schlüsselspieler zumindest kurz- oder mittelfristig ersetzt werden können – und ob allenfalls auch Spieler der vermeintlich zweiten Garde sich in einer neuen und verantwortungsvolleren Lage als absolute Teamleader herausstellen. Das ist beispielsweise den Montréal Canadiens bisher gut gelungen: Nach Kirby Dachs Verletzung waren beispielsweise Alex Newhook und Sean Monahan zur Stelle und haben jeweils als Centerspieler sehr gute Leistungen abgeliefert.

Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.

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