Gazzetta dell'Ambrì

Ein Thema schiebt sogar Corona in den Hintergrund und wird diese Saison überdauern. Die geplante Ligareform erhitzt die Gemüter bei Fans, Spielern und Trainern. Eine Analyse aus Sicht von Ambrì.

Luca Cereda positionierte sich früh gegen die Erhöhung der Ausländerzahl.
Marcel Wey

Die Liga ist so ausgeglichen und international so attraktiv, wie noch nie. Die Schweizer Nationalmannschaft wurde in den letzten sieben Jahren zweimal Vize-Weltmeister und die U20 hielt mit Hockey-Grossmächten mit. Mit Mark Streit, Roman Josi und Nico Hischier, um nur drei zu nennen, hat die Schweiz Weltstars herausgebracht. Die Zuschauerzahlen der National League steigen stetig und sind nahe am Maximum. Dies ist alles das Resultat eines sensationellen Produkts und einer Konzentration auf das Wesentliche – den Sport. Daran soll nun aber doch Elementares geändert werden. Mit der geplanten Ligareform will die National League AG das Schweizer Eishockey fundamental verändern.

Mehr Ausländer – weniger Erfahrung für Schweizer

Die Reform beinhaltet mehrere Punkte. Heftig umstritten ist die Erhöhung der Ausländerzahl auf sieben Imports. Klar gegen diese Pläne ist Ambrì-Trainer Luca Cereda: „Ich denke, man würde die Identität in allen Clubs und auch in unserem Hockey verlieren. Wir als Club sind dagegen und auch ich als Trainer lehne diese Änderung ab. Man würde den Traum vieler junger Spieler zerstören.“ Genau in diese Kerbe schlägt auch Brian Flynn: „Diese Anpassung bringt den Ausländern 36 weitere Plätze, aber gleichzeitig denke ich an die Schweizer Spieler, die aus der Liga gedrängt werden.“ Was Flynn anspricht ist, dass sich das Problem auf die Seite der Schweizer verlagern könnte. Geringeres Angebot bei gleicher Nachfrage treibt den Preis, oder eben den Lohn, nach oben. Die besten Schweizer spielen grösstenteils nur noch bei den besten Teams und es könnte gleich doppelt passieren, dass die Lohnkosten weiter steigen. Genau dem will man mit den Anpassungen entgegenwirken. „Ich unterstütze den Protest meiner Teamkollegen komplett. Reiche Klubs werden ihre Ausländer weiter wie bisher bezahlen, was für kleinere Clubs einen weiteren Nachteil bringen wird“, fasst Flynn die Thematik zusammen.

Das Argument, dass einzelne Vereine schon jetzt mit den Lizenzschweizern bei diesen sieben Ausländern sind, ist scheinheilig. Viele Spieler, die jetzt als Lizenzschweizer gelten, würden in der "neuen" National League keinen Platz mehr bekommen. Dies führt dazu, dass weniger junge Spieler eine Hockey-Karriere in der Schweiz anstreben, was zweifellos der gesamten Schweizer Nachwuchsbewegung schadet. Es ist paradox, dass genau das an die à-fonds-perdu-Beiträge des Staates gekoppelt ist. Auf eine Art ist es verständlich, dass niemand aus Bundesbern reagiert und diesen Punkt sieht. Auf die andere Weise grenzt es an riesige Arroganz, dass die National League dies auf dem Buckel der Gesellschaft durchdrücken will.

Auch CEO Nicola Mona will den Status Quo beibehalten: „Ambrì ist dafür, dass so weitergespielt wird, wie bisher. Allerdings ist dies ein demokratischer Prozess, wo die Mehrheit am Ende entscheidet. Wir versuchen unser Möglichstes, um uns einbringen zu können.“ Einen (Teil-)Erfolg konnte der HCAP erreichen. „Wir haben den Vorschlag gebracht, dass Lizenzschweizer bis zum Alter von 22 Jahren in der National League spielen dürfen, ohne dass sie das Ausländerkontingent belasten. Das ist durchgekommen“, sagt Mona freudig. Was Mona auch betont ist die Existenzangst, die die momentane Krise in der Liga hervorruft. Wohl auch deshalb will man nun schnell etwas ändern. „Es ist brutal für alle, natürlich auch für uns, aber diese Situation ist nicht neu. Wir müssen permanent betteln. Da wir die Erfahrung haben, werden wir gestärkt aus der Krise hervorgehen.“ Wie Mona erzählt, hatten andere Clubs richtiggehende Panikattacken und wussten nicht mehr weiter.

Fehlende Erfahrung – fehlende Identifikation

Die National League bringt immer und immer wieder das Argument, dass mehr Plätze für Schweizer frei werden, wenn die Liga auf 13 oder 14 Teams wächst. So finden wieder mehr Schweizer einen Platz in der National League, aber mit mehr Ausländern werden sie in den wichtigen Situationen meist nicht eingesetzt werden und haben nicht die Möglichkeit, Erfahrung für internationale Auftritte zu sammeln. Dies dürfte sich einerseits auf die Leistungen der Nationalmannschaften an grossen Turnieren auswirken. Andererseits kommen die Schweizer Spieler so weniger auf den Radar von internationalen Scouts, was sich auf die Nationalmannschaft rückkoppelt. Eine schwache Nationalmannschaft hat auch direkte Auswirkungen auf die nationale Liga. A-Nationalcoach Patrick Fischer warnte am Rande der U20-WM vehement: „In dieser U20-Nationalmannschaft hat es mit Simon Knak [verliess den HCD Ende Februar nach Nordamerika] und Rocco Pezzullo zwei Spieler, die regelmässig in der National League zum Einsatz kommen. Glaubt irgendjemand, dass sich die Quote verbessert, wenn man zehn Ausländer aufstellen kann? Ich warne davor, diesen Weg zu beschreiten, er ist gefährlich und würde uns zurückwerfen."

Neben der fehlenden Erfahrung für junge Spieler fehlen auch die Spieler, mit denen man sich als Fan identifizieren kann. Dass sich Ausländer mit ihrer Art und Weise in die Herzen der Anhänger spielen können, ist verständlich, bleibt aber die Seltenheit. Gerade bei einem Club wie Ambrì, geht man mit Spielern wie Fora, Pestoni und Trisconi noch mehr mit – um drei Namen aus dem aktuellen/zukünftigen Kader zu nennen. Sie polarisieren unter den Fans, wie es kaum ein ausländischer Spieler tun kann. Genau dies macht den Reiz des Fans aus.

Kein Absteiger – fehlender Anreiz?

Um Planungssicherheit zu erhalten, will man eine geschlossene Liga ohne sportlichen Abstieg schaffen. Der Aufstieg soll unter Bedingungen ermöglicht werden. Als erstes müsste so regelmässig die Modusfrage geklärt werden. Das Chaos für den nicht enorm interessierten Zuschauer wäre perfekt. So neue Zuschauer für den Sport zu begeistern, wäre eine schwere bis unmögliche Aufgabe. Der Modus ist das eine, aber wenn dieser feststeht, kommt ein anderes Zuschauerthema ins Spiel. Geht es für Teams am Tabellenende um nichts mehr, drohen die Zuschauer auszubleiben. So würden wichtige Einnahmen fehlen. Die geplante Sicherheit könnte zum Bumerang werden. Dazu kommen Emotionen, die wegfallen, falls es nicht mehr gegen den Abstieg geht. Elias Bianchi formulierte es in der Ausgabe 70 deutlich. „Als wir uns manchmal so knapp vor dem Abstieg gerettet haben – das war fast wie ein Meistertitel.“

Auch wenn Nicola Mona das emotionale Argument sieht, bittet er die Sache ganzheitlich anzuschauen. „Der HC Ambrì-Piotta ist ein Unternehmen [mit Betonung auf Unternehmung] mit 140 Angestellten. Bei einem Abstieg wären Entlassungen nicht zu verhindern. Dazu haben wir 50 Millionen ins neue Stadion investiert. Würden wir nun absteigen, stünden wir vor dem Nichts.“

Kommt doch noch die Wende?

Nun will die National League AG weitere Entscheide erst im Sommer nach Saisonende fällen. Diese Meldung kam am 4. März, nachdem es mehrere Protestaktionen gegeben hat. Dabei sollen sämtliche Anspruchsgruppen, wie Spieler, Fans, Medien etc. miteinbezogen werden. Dazu soll eine Arbeitsgruppe mit der SIHPU (Schweizer Eishockeyspielergewerkschaft) gebildet werden. „Das Verfahren ist bis nach den Playoffs gestoppt. Dann führen wir neue Gespräche mit den Stakeholdern“, führt Nicola Mona aus. Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät und es kommt zur nichtgedachten Kehrtwende. Auf jeden Fall steht auch in dieser Hinsicht ein hitziger Sommer bevor.

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