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Sandro Zurkirchen war seit seinem Wechsel von Zug nach Ambrì die alleinige bzw. im ersten Jahr die gleichberechtigte Nummer 1 im Tor der Nordtessiner. In den vier Saisons ist er zum Spitzen- und Nationalmannschaftstorwart herangereift. Nun unternimmt er mit dem Wechsel zu Lausanne, wo er mittelfristig Cristobal Huet ablösen soll, einen nächsten Karriereschritt. Die Perspektiven im Waadtland sind schlicht besser, warum man ihm den Wechsel nicht übelnehmen kann und darf. Aber Ambrì sieht sich mit der grossen Herausforderung einen adäquaten Ersatz zu finden konfrontiert. Etwas, das man in der Leventina aber kennt.

Von Fabiano Wey

Der Wirbel um den Trainerwechsel von Hans Kossmann zu Gordie Dwyer ist gross. Noch grösser wird die Frage, wer nächste Saison im Ambrì-Tor stehen wird. Denn gerade Ambrì kann meiner Meinung nach nur mit einem guten bzw. überdurchschnittlichen Goalie erfolgreiches Eishockey spielen. Das beste Beispiel dafür war das Duo Zurkirchen/Schaefer, welches hauptverantwortlich für die letzte Playoff-Qualifikation in der Saison 13/14 war. In der Regular Season hatten die beiden die besten Statistiken der Liga. Das Saisonende kam dann aber relativ schnell, auch weil Nolan Schaefer in den Playoffs seine Topleistungen nicht bringen konnte. Danach verliess Schaefer den HCAP und Zurkirchen hätte die klare Nummer 1 werden sollen. Es kam anders. Er verletzte sich und konnte in der folgenden Saison nur 25 Qualifikationsspiele absolvieren. Der Spiessrutenlauf für die Verantwortlichen auf der Suche nach Ersatz begann. Nicht weniger als sieben verschiedene Torhüter kamen für Ambrì in dieser einen Saison zum Einsatz. In der Spielzeit 15/16 und der laufendenden Saison fing dann Zurkirchen aber zuverlässig und fast in Eigenregie die Pucks.

Zuvor war es Thomas Bäumle, der jahrelang die Nummer 1 inne hatte. Als er auf die Saison 2005/06 von Davos zu den Leventinern kam, wechselte er sich noch mit Simon Züger ab und bestritt so nur 17 Spiele in der Qualifikation. Dabei kassierte er weniger als zwei Gegentore pro Spiel. In den Playoffs war er dann bei einem der sportlich bittersten Momente des Klubs beteiligt. In der Viertelfinalserie gegen Erzrivale Lugano lag man mit 3:0 vorne. Im vierten Spiel führte Ambrì bis zur 56. Minute, verlor dann aber das Spiel in der Verlängerung und am Ende auch die Serie. In der Folge war Thomas Bäumle jahrelang die unangefochtene Nummer 1, schaffte es aber nie die Squadra erneut in die Playoffs zu führen. Da er bei Davos kaum zum Einsatz kam, kann man sagen, dass er in Ambrì den Durchbruch schaffte und zugleich seine „erfolgreichste“ Zeit erlebte.

Vor Bäumle gab es die grosse Ära von Pauli Jaks. Insgesamt 13 Saisons war er in der Valascia für die Prima Squadra aktiv, mit einem kurzen Abstecher nach Nordamerika. Mit ihm erreichte Ambri elfmal (!) die Playoffs, darunter den Playoff-Final 1999, den sie gegen Lugano verloren. Jaks ist ein Eigengewächs. Der Verein gab ihm die Chance und er nutzte sie. Etwas, das er mit Bäumle und «Zuri» gemein hat. Zurkirchen entwickelte sich in Ambrì zu einem der besten Goalies der Schweiz, dies zeigen die Statistiken. Aber die Last auf seinen jungen Schultern war schlicht zu gross, um Ambrì alleine in die Playoffs zu führen. Dies auch, weil Ambrì in der Offensive momentan nicht die gleiche Durchschlagskraft hat wie zu Zeiten von Pauli Jaks.

Mit seinem Weggang zu Lausanne heisst es in der Leventina erneut: Wie weiter? Aber welche Szenarien und Optionen gibt es? Ein Name hat grossen Einfluss auf diese Frage. Reto Berra wird auf nächste Saison in die NLA zurückkehren. Laut Medienberichten fällt seine Entscheidung zwischen Lausanne und Fribourg, was bedeutet, dass Ambrì aus dem Rennen um Berra ist. Auch wenn er zu Fribourg oder Lausanne geht, hat dies für das Goalie-suchende Ambrì Konsequenzen.

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Verlässt Ambri nach vier Saisons: Sandro Zurkirchen. (Bild: PHOTOPRESS / Marcel Bieri)

Szenario 1: Berra wechselt zu Fribourg, Conz wechselt zu Ambrì.

Entscheidet sich Berra für Fribourg, dürfte dort trotz laufendem Vertrag die Zeit von Benjamin Conz abgelaufen sein. Letzte Woche kam das Gerücht auf, dass Conz zu Lugano wechseln könnte. Das 26-jährige Talent hat nach guten Saisons gerade eine Baisse, genau wie der ganze Klub. Beide brauchen also dringend frischen Wind. Conz war vor fünf Jahren an Lugano ausgeliehen und machte 50 Spiele. Trotzdem wäre es eine grosse Überraschung, wenn er ins Südtessin wechseln würde. Lugano hat mit Elvis Merzlikins eine solide Nummer 1 und mit der Verpflichtung eines anderen Torhüters ihn zu besseren Leistungen anzustacheln, ist nicht nötig. Viel eher könnte ein Wechsel nach Ambrì eine Möglichkeit darstellen. Er hätte die Chance in neuem Umfeld sein zweifellos grosses Talent wieder auszuspielen. Momentan ist er mit einer Fangquote von unter 90% der statistisch zweitschwächste Torhüter der NLA – für das einst grosse Talent Benjamin Conz unwürdig. Seine Statistiken sind dramatisch eingebrochen. Vor vier Jahren war er noch der beste Goalie der Regular Season. Kommt Berra, könnte Fribourg ihn aus dem Vertrag lassen. Auch ein Ausleihgeschäft von Fribourg nach Ambrì für das verbleibende Vertragsjahr scheint denkbar. Gottéron wird wohl nicht zwei solche Goalies fest im Kader haben wollen bzw. können.

Szenario 2: Berra zu Lausanne, Huet Ersatz, Zurkirchen ausgeliehen.

Neben Fribourg ist Lausanne als nächste Station für Reto Berra im Gespräch. Dass er an den Genfersee wechselt, ist für mich wahrscheinlicher, würde aber die Sache urplötzlich extrem kompliziert machen. Aus der Sicht von Berra spricht für Lausanne, dass der Klub finanziell potent ist und er von seinem jetzigen 1.5 Millionen Gehalt wohl nicht die gleichen Einbussen wie bei Fribourg hinnehmen müsste. Überall, wo er hingeht, wird er den Nummer-1-Status beanspruchen. Wechselt er tatsächlich zu Lausanne, hat der Klub für nächste Saison drei Torhüter unter Vertrag. Cristobal Huet hat seinen Vertrag bis 2018 verlängert und wird wohl kaum noch zu einem anderen Klub ausgeliehen. Er wäre der ideale Back-Up für Reto Berra. Aber Lausanne hat kürzlich Sandro Zurkirchen verpflichtet...aus Ambrì. Es ist denkbar, dass Huet seine Karriere im Sommer 2018 beenden wird. Für dieses eine Jahr müsste Zurkirchen ausgeliehen werden. Und wohin am besten? Genau, zum HC Ambrì-Piotta. Das nennt man dann wohl ein Luxusproblem.

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Kehrt aus Nordamerika in die NLA zurück: Reto Berra. (Bild: PHOTOPRESS / Steffen Schmidt)

Szenrio 3: Gauthier Descloux wird per sofort die Nummer 1.

Sollte Sandro Zurkirchen tatsächlich für mindestens ein Jahr an die Leventiner ausgeliehen werden, wäre das Problem vorübergehend gelöst, aber nur aufgeschoben. Will man eine längerfristige Lösung, wäre diese bereits da. Mit Gauthier Descloux hat Ambrì für nächste Saison sowieso noch einen Goalie ausgeliehen. Descloux ist mit seinen noch nicht ganz 21 Jahren zweifellos eine der grössten Goalie-Hoffnungen, die die Schweiz hat. Seit dieser Saison ist er von Genf-Servette an die Tessiner ausgeliehen. Gut möglich, dass er sich nicht länger mit dem Nummer-2-Status begnügen möchte, aber er hat momentan keine Wahl. Die Klubführung von Ambrì muss sich überlegen, was sie mit ihm vorhat. Diese Entscheidung ist wiederum stark abhängig davon, was Genf mit Descloux beabsichtigt. Der Vertrag bei den Calvinstädtern läuft 2018 aus. Besteht für Ambrì die (finanzielle) Möglichkeit ihn voll unter Vertrag zu nehmen, könnte es eine Option darstellen, ihm nun das Vertrauen auszusprechen. Ewig kann man ihn nicht auf der Bank versauern lassen, sollte man mit ihm Pläne haben. Die Situation wäre ähnlich wie bei Sandro Zurkirchen, als er die Nummer 1 im Ambrì-Tor wurde. Auch er hatte bei Zug erst 40 NLA-Spiele absolviert. Descloux hat nun inklusive der wenigen Spiele für den HCAP 21 NLA-Spiele bestritten. Dabei liegt seine Fangquote bei knapp über 90%. Mit mehr Spielpraxis dürfte diese steigen. Für Ambrì wäre es ein nicht zu unterschätzendes Wagnis, könnte sich aber langfristig sportlich und finanziell durchaus bezahlt machen. Folgt der Klub der Philosophie junge talentierte Goalies auszubilden, wäre Descloux die prädestinierte Lösung.

Keine Option ist für mich Daniel Manzato. Der Back-Up bei Lugano ist bereits 33 Jahre alt und sehr verletzungsanfällig. Daher hat er keine Spielpraxis. Es wäre ein riesengrosses Experiment, das man in der jetzigen heiklen Situation nicht eingehen sollte. Dazu wäre es wohl maximal eine mittelfristige Lösung. Ebenfalls keine Option ist eine Ausländerlizenz für einen Goalie zu „opfern“. Geht man davon aus, dass Berra in Ambrì kein Thema (mehr) ist, gibt es aus meiner Sicht nur drei mögliche Goalies für nächstes Jahr: Conz, falls Berra zu Fribourg geht, Zurkirchen, falls Berra zu Lausanne geht, oder der richtige Aufbau von Gauthier Descloux. Ich bin gespannt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird.

Dies sind meine ganz persönliche Meinungen und möglichen Szenarien. Ich würde mich freuen andere Gedanken zu hören, oder ob ihr es ähnlich seht. Kommentiert diesen Blog, schreibt mir eine Mail oder tweetet an @FabWey.

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