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An Weihnachten grüsst der EV Zug von der Tabellenspitze. Hauptgrund dafür ist die verbesserte Defensivleistung – auffallend in Tangnes’ zweiter Saison ist jedoch die Verteilung der Eiszeit.

Die Zuger hatten in den letzten Spielen viel Grund zum Jubeln
PHOTOPRESS / Patrick B. Kraemer

Mit neun Siegen aus den letzten elf Meisterschaftspartien konnte der EV Zug seit Mitte November aus dem Mittelfeld der Tabelle an die Spitze emporklettern. Die Form in der Meisterschaft zeigt eindeutig aufwärts, doch dass die Zuger weiterhin über Steigerungspotential verfügen, haben die beiden ebenso schmerzlichen wie vermeidbaren Ausscheiden im Cup und der Champions Hockey League gegen schlagbare Kontrahenten bewiesen.

Einige Gründe für die trotz diesen Rückschlägen aufsteigende Form in den letzten Wochen:

  • Die Special Teams sind arg verbessert – die Zuger erzielen, auch weil sie am meisten Überzahlsituationen provozieren, am meisten Powerplay-Treffer pro Partie, während das Penalty Killing weniger anfällig ist als anfangs Saison.
  • Oscar Lindberg hat sein Abschlusspech überwunden (zuletzt sechs Treffer in sieben Partien).
  • Leonardo Genoni scheint nun definitiv in Zug angekommen zu sein.

Doch die zwei Hauptgründe sind die verbesserte Konstanz von Spiel zu Spiel und Drittel zu Drittel sowie die bessere Abstimmung der einzelnen Sturmlinien und Defensivpaare. Der Mangel an Balance und Automatismen hat anfangs Saison vor allem das Spiel in der eigenen Zone beeinträchtigt. Mittlerweile treten die Zuger viel flüssiger auf, was dazu führt, dass sie mehr Zeit in der gegnerischen Zone verbringen, konzentrierter verteidigen und weniger Gegentore erhalten. Während des Aufschwungs seit Mitte November haben die Zuger in elf Partien nur noch 19 Treffer erhalten. In den letzten vier Spielen sogar nur noch deren drei.

Zwei sinnbildliche Personalentscheidungen

Die verbesserte Defensivleistung hängt vor allem mit besseren Leistungen des gesamten Teams zusammen, welches verantwortungsvoller mit der Scheibe umgeht und im Spiel ohne Puck mit einem konsequenteren Pressing und Zweikampfverhalten auftritt. Dass die sportliche Leistung diese Qualitäten schätzt, hat sie in den letzten Wochen mit zwei Personalentscheidungen bewiesen. Die Trennung vom formschwachen David McIntyre lag nicht nur an dessen ungenügender Punkteausbeute, sondern auch an seinem undisziplinierten Spiel mit einer Fülle an Puckverlusten und unnötigen Strafen, welche die Geduld von Coach Dan Tangnes arg strapaziert haben – zuletzt erhielt der Kanadier nur noch Einsatzminuten eines Viertlinienstürmers. Tobias Geisser dagegen hat sich seit seiner Rückkehr Mitte Dezember nahtlos in die Defensive eingefügt und besticht mit seinem routinierten Auftreten, Stellungsspiel, cleveren Einsatz seiner langen Stockreichweite und einem guten ersten Pass.

Zryd und Thiry mit schwerem Stand

Geissers Verpflichtung bis Ende Saison könnte sich als unterschätztes Puzzle-Teil erweisen. Der erst 20-Jährige wird das Penalty-Killing und die linke Abwehrseite aufwerten. In seinen vier Einsätzen wurde er von allen Verteidigern am viertmeisten eingesetzt. Seine Addition gibt Tangnes mehr Selektionsmöglichkeiten, gerade wenn Livio Stadler und Jesse Zgraggen wieder fit sind. Es ist kein Geheimnis, dass Miro Zryd und Thomas Thiry diese Saison beim Coach nicht nur gepunktet haben. Die Rückstufung der beiden zukünftigen Berner äussert sich bei einem Blick auf die Eiszeiten. Obwohl ein Vergleich der nackten Zahlen mit Vorsicht zu geniessen und weitere Faktoren wie Verletzungen und Spielzeit in den Special Teams (insgesamt spielt der EVZ in der laufenden Saison pro Partie eine Minute weniger mit den Special Teams) zu berücksichtigen sind, können einige aussagekräftige Schlüsse gezogen werden. So erhalten Zryd dreieinhalb und Thiry eineinhalb Minuten weniger Eiszeit pro Partie als in der vergangenen Saison. Zryd wird in den Special Teams kaum mehr eingesetzt und wurde bei numerischem Gleichstand von Livio Stadler und Johann Morant überholt. Nutzniesser sind Zgraggen und Stadler, der heuer regelmässig in Unterzahl spielen darf.

Über allen steht freilich Raphael Diaz. Der Captain erhält in dieser Saison in allen Situationen am meisten Eiszeit aller Zuger Verteidiger – mit 22.26 Minuten beinahe zwei Minuten mehr pro Partie als in der Vorsaison. Dass Coach Tangnes seinen wichtigsten Einzelspieler stärker forcieren darf, ist eine der wichtigsten Lehren des verlorenen Playoff-Finals 2019. Diaz dankt es mit einer bisher überragenden Qualifikation – und dürfte im Hinblick auf die Playoffs über genügend Energiereserven verfügen, spielt er doch drei Minuten weniger pro Partie als Liga-Dauerbrenner Henrik Tömmernes.

Raphael Diaz dominiert das Zuger Spiel an allen Ecken und Enden.
PHOTOPRESS / Cyril Zingaro

Diskrepanz zwischen Top-Six und Bottom-Six

Erhalten in der Verteidigung mit Raphael Diaz, Santeri Alatalo und Dominik Schlumpf die drei auf dem Papier besten Verteidiger am meisten Eiszeit, so gilt im Sturm ähnliches. Das Ausländerquartett sowie Grégory Hofmann und Lino Martschini schwingen oben aus. Auffallend ist im Sturm die Differenz zwischen den Top-Six und den Bottom-Six. Tangnes forciert seine Stars heuer stärker als in der Vorsaison. Mit Jan Kovar, Oscar Lindberg, Grégory Hofmann und Carl Klingberg spielen gleich vier Stürmer mehr als 18 Minuten pro Partie – in der vergangenen Spielzeit war es mit dem früh abgewanderten Viktor Stålberg nur einer. Einerseits hängt dies mit der ungleichen Verletzungssituation zusammen. Heuer sind bzw. waren – mit Ausnahme Erik Thorells – vor allem Akteure aus der Bottom-Six wie Jérôme Bachofner, Fabian Schnyder und Sven Senteler über einen längeren Zeitraum verletzt, während die Zuger in der vergangenen Spielzeit oft gleichzeitig auf mehrere Ausländer verzichten mussten.

Anderseits forciert Tangnes seine beiden Paradelinien (momentan Klingberg-Kovar-Hofmann und Martschini-Lindberg-Thorell, bei Verletzungen wird in der Regel Dario Simion befördert), weil diese regelmässig für den Unterschied sorgen respektive die anderen beiden Linien dies zu wenig oft tun. Dies lässt sich nicht nur an der Torausbeute, sondern auch an der Anzahl an Schüssen pro Partie ablesen. So schiessen Simion (1.45 statt 1.84), Senteler (1.00 statt 1.70), Sven Leuenberger (0.41 statt 0.70) und Yannick Zehnder (0.86 statt 1.06) allesamt – teilweise deutlich – weniger oft auf das gegnerische Tor als in der vergangenen Spielzeit – auch Jérôme Bachofner (0.88) weist einen deutlich tieferen Wert auf als Dominic Lammer (1.20). Die Gründe mögen bei allen Spielern unterschiedlich sein – bei keinem (ausser Bachofner) liegt es jedoch an einer signifikant geringeren Eiszeit im Powerplay oder bei numerischem Gleichstand.

Kann Sven Senteler die dritte Linie wie in der vergangenen Spielzeit ankurbeln?
PHOTOPRESS / Urs Flüeler

Wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass der EVZ im Playoff-Final gegen den SC Bern vor allem wegen der fehlenden offensiven Breite unterlegen war, so muss der Rückgang des Schussvolumens (und damit zusammenhängend der offensiven Produktion) der Dritt- und Viertlinienstürmer zu denken geben. Wollen die Zuger im April 2020 den schwer zu fassenden Pokal in die Höhe stemmen, muss Coach Tangnes die Elemente in der dritten und vierten Linie so kombinieren, dass die Chemie stimmt. Für den Sturm an die Tabellenspitze im letzten Monat hat das Erwachen einer zweiten produktiven Linie ausgereicht – um im Frühjahr nach den Sternen zu greifen, wird dies kaum genügen.

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